Eine Meinungskampagne, die sicherlich nicht ganz unbedenklich ist, dürfte den letzten Anstoß dazu geben, daß Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle sein Amt mit dem Ende der Legislaturperiode verlieren wird. Das Hamburger Boulevard-Blatt "Bild" versteigt sich zu Schlagzeilen wie "Er heißt zwar Gscheidle, aber manchmal ..." oder "Das Neueste von Gscheidle". Der Minister, zwar ziemlich glücklos und bisweilen taktisch recht unklug, trotz seiner Fehler aber nicht ganz so schlecht, wie diese Schlagzeilen glauben machen möchten, ist den "Bild"-Redakteuren offenbar zum Abschuß freigegeben worden. Selbst ein Bittgang zu Axel Springer würde ihn wohl kaum mehr retten, seine Mitarbeiter erwägen ihn auch gar nicht mehr.

Diesen Weg war im vergangenen Jahr ein Gscheidle-Mitarbeiter gegangen, den "Bild" damals so gnadenlos ins Visier genommen hatte wie heute den Minister: Bundesbahn-Präsident Wolfgang Vaerst. Das Rendezvous des obersten Eisenbahners mit dem Verleger hatte Erfolg: Die Springer-Zeitungen haben seitdemüber Vaerst nichts Abträgliches mehr geschrieben. Es geht halt nichts über eine freie Presse.

Seit dem Februar des vergangenen Jahres hat die Bundesbahn ihre Tarife für den Personenverkehr nicht mehr verändert, obwohl sie in der Zwischenzeit im unternehmerisch betriebenen Personen-Fernverkehr unter die volle Kostendeckung von hundert Prozent und im defizitären Nahverkehr sogar unter eine Kostendeckung von 25 Prozent abgesunken sein dürfte. Offiziell heißt es dazu bei der Bundesbahn, Tariferhöhungen würden nicht erwogen.

In Bonn ist jedoch anderes zu hören. Die für Tariffragen zuständigen Eisenbahner unter dem Vorstandsmitglied Hans Kalb hatten die Anträge für ein ganzes Bündel von Tariferhöhungen insbesondere für den Nahverkehr – sie sollten zum 1. Juni in Kraft treten – fertiggestellt; daß überhaupt Anträge gestellt werden sollten, macht deutlich, daß ein Teil der Fahrpreise um mehr als 20 Prozent erhöht werden sollte – denn nur Ton dieser Grenze an muß die Bahn den Verkehrsminister um Erlaubnis bitten. Die Anträge liegen jedoch noch immer in den Schubladen der Frankfurter Bahn-Hauptverwaltung. Kein Wunder: Am 3. Oktober ist Bundestagswahl. Danach wird man das Versäumte sicherlich schnell nachholen.

*

Die Bonner Freien Demokraten sorgen sich schon jetzt um das Schicksal eines Fraktionsmitgliedes, das zwar nicht zu den auffallendsten, wohl aber zu den tüchtigsten des kleinen liberalen Häufleins zählt: Victor Kirst, in der Hamburger FDP-Landesliste auf den höchst unsicheren zweiten Platz hinter der in der Öffentlichkeit aktiven, in der FDP-Bundestagsfraktion jedoch arg zurückhaltenden Helga Schuchardt abgerutscht, wird dem nächsten Bundestag wohl kaum mehr angehören.

Jetzt erst merkt die Bonner FDP, was sie an Kirst, den Wirtschaftsminister Hans Friderichs bisweilen als unpolitisch gescholten hat, verlieren wird: Einen Haushaltsfachmann, wie ihn jede Fraktion braucht, einen "Erbsenzähler", der jedermann zu jeder Zeit verbissen vorrechnet, wie viele Millionen die Erfüllung dieses oder jenes politischen Wunschtraums kosten würde. Es nähme nicht wunder, kehrte Kirst, auch im Falle einer Wahlschlappe, dennoch nach Bonn zurück: Als haushaltspolitischer Berater der Liberalen.