ARD, 16. Mai: „Intermezzo für fünf Hände“ von Peter Härtling, Regie Ludwig Cremer

Ein Stück aus einem Roman: Ein sächsischer petit bourgeois, zum Großbürger avanciert, zum Parfümfabrikanten und Villenbesitzer, ein Ehegatte und Familienvater comme il faut, wie es scheint, führt in Wahrheit eine Doppelexistenz (einerseits Spiele mit den lieben Kleinen, den Holden und Reinen, im Garten, andererseits Spiele mit den lieben Großen, den Holden und Schönen, im Bett) – eine Doppelexistenz freilich, die sich auf höherer Ebene wieder zu höchst persönlicher und exemplarischer Einheit verbindet: Charme und Geschäftssinn, familiäre Pflichterfüllung und extrafamiliäre Betriebsamkeit, Zerstreutheit und Zielstrebigkeit gehören für unseren Bürger zusammen.

Ein Stück aus einem Roman: Fünf Szenen, verbunden durch eheliche Gespräche (Papa gesteht, Mama, in Gestalt einer glaubhaft vom Ätherischen ins Füllig-Resignative umfigurierten Cordula Trantow, hört zu), leitmotivisch aufeinander bezogen mit Hilfe eines wiederkehrenden Topos: Das Ende der fünf Liaisons wird jeweils durch einen symbolischen Akt signalisiert. Die Dame reicht ihre Hand zum Gusse. Das Fleisch überdauert in Bronze.

Fünf Szenen, in deren Variation und Steigerung sich der Witz und die Kompositionskunst des Schriftstellers Härtling bewährten. (Die letzte Episode, im Augenblick des Geschehens spielend, hat eine andere Qualität als die übrigen vier: Ab mit Dir, petit bourgeois, Du kriegst Deinen Laufpaß, genug der Abdrücke jetzt, von morgen an geht’s in den Krieg.)

Ein Stück aus einem Roman: Die Dialoge boten Schrift-Mündlichkeit, die Kommentare waren, sprachlich, zu gewichtig im Verhältnis zur Bilder-Geschichte, die Personen sprachen zu „hoch“, zu überlegt und geschliffen – und dennoch gelang es, die Maximen so gut wie die literarischen Beiläufigkeiten glaubhaft zu machen. Glaubhaft, da der Regisseur Ludwig Cremer sie in Anführungszeichen setzte und die Schauspieler veranlaßte, zitathaft zu sprechen, den Text nicht ausspielend, sondern ihn deklamierend.

Ein Stück aus einem Roman, das dank glänzender Akteure zu einem amüsanten, aber keineswegs nur amüsanten Fernsehspiel wurde. Kitsch und Schminke und Phrase – das Leben aus zweiter Hand, personengetreu, mit individuellen Nuancen, stilgemäß wiedergegeben! Meisterlich das Kontrastspiel der Damen Schwiers und Schygulla: Jede Sentenz, jede Geste voller Bezüge. Demokratie kontra Proletarierwürde. Das „Heute so und morgen so“ gegen das „Bis hierher und nicht weiter“. Und dann Klaus Schwarzkopf! Kurzbeinig, bäuchig, bedauernswert, spießig – eine Summe von Unzulänglichkeiten mit Hilfe von Pfiffigkeit und alerter Untertreibung umgeschmiedet in Angriffswaffen. In Angriffswaffen, denen gegenüber alle ökonomischen und Verteidigungskünste versagen. Da war nicht die Spur von Klamotte; da wurde ein Individuum – sehr konsequent mit Hilfe witziger Montagen: der Bürger ißt, der Bürger trinkt, der Bürger schläft, der Bürger liebt – in einen Gesellschaftstyp ummontiert.

Einen Oscar für Schwarzkopf! Momos