Nicht daß das Haus aussterben könnte, sondern daß es abdanken müßte, war ein Gedanke, der manchen Niederländer in den letzten Wochen heimlich bewegte. Ausgesprochen wurde er aber nur vom Ausland und von den Journalisten. Die meisten Holländer reden nicht gern über die Lockheed-Krise, die ihr Königshaus bedroht. "Glauben Sie wirklich, daß das wahr ist?" und "die arme Königin" – das sind meist die einzigen Kommentare, die sie von sich geben. Niemand scheint ganz genau wissen zu wollen, was hinter den Anschuldigungen steckt, die gegen den Mann der Königin in der Bestechungsaffäre erhoben wurden. Meinungsumfragen haben zwar deutlich gemacht, daß zwei Drittel der Holländer Prinz Bernhards Dementi, er habe keine Bestechungsgelder empfangen, nicht für die ganze Wahrheit halten; ebenso sicher ist aber auch, daß die überwältigende Mehrheit nicht daran denkt, deswegen die Verfassung zu ändern und die Krone abzuschaffen – und sei es auch nur aus nüchternem Geschäftssinn. "Ein Staatspräsident kostet schließlich auch Geld", heißt es – Holländer sind Pfennigfuchser, großzügig sind sie nur in ihrer privaten Caritas.

Mit einiger Befriedigung vernahm das Publi-, kum deshalb auch, daß die Königin am Ende der Gratulationscour, die in ein bukolisches Volksfest im Park von Schloß Soestdijk ausklang, spontan ausrief: "Ich bin froh, daß ich das erlebt habe. Das gibt ja wieder Mut, weiterzugehen, nicht wahr?" Soweit war dieser indirekte Kommentar das einzige, was sie öffentlich über die seit drei Monaten schwelende Affäre um Prinz Bernhard gesagt hat.

Es ist eine Affäre, die weniger den Bürgern als den Regierenden Kopfschmerzen macht. Denn an ihr mag vieles schleierhaft sein, nur eines nicht: Wenn Ministerpräsident Joop den Uyl und seine Sozialisten in den nächsten Wochen nicht mit außerordentlichem Geschick vorgehen, dann ist die Verfassungskrise da, die sie so peinlich vermeiden möchten.

Der "Skandal des Jahrhunderts", so "Elseviers Magazine", begann am 6. Februar dieses Jahres. An jenem Tag erklärte der ehemalige Lockheed-Präsident A. Carl Kotchian in Washington vor dem Church-Üntersuchungsausschuß, der kalifornische Flugzeugkonzern habe Politiker, Parteien und Beamte in sieben Staaten mit insgesamt 22 Millionen Dollar bestochen, um den Verkauf des Mehrzweckkampfflugzeuges Starfighter zu fördern. Prinz Bernhard der Niederlande sei der Empfänger von 1,1 Millionen Dollar gewesen.

In den Agenturmeldungen wurde zuerst nur von einem "high official" gesprochen. Über die holländische Botschaft in Washington hörte Ministerpräsident den Uyl jedoch schnell, daß damit der Prinzgemahl gemeint sei. Den Uyl, dem ein ähnliches taktisches Geschick nachgesagt wird wie dem Engländer Harold Wilson, handelte schnell. Angesichts der Spannungen, die in seine Regierungskoalition eingebaut sind (ein Bündnis dreier Linksparteien und zwei der drei christlichen Parteien) scheute er sich offensichtlich Bernhards Schicksal einer parlamentarischen Untersuchungskommission anzuvertrauen. Statt dessen beauftragte er am 8. Februar drei prominente Persönlichkeiten, die in Holland großes öffentliches Ansehen genießen, die von den Amerikanern erhobenen Beschuldigungen gegen den Prinzen zu untersuchen. Es sind der 54jährige André Donner, Richter beim Europäischen Gerichtshof; der 73jährige Marius Holtrup, ein ehemaliger Zentralbankpräsident, und der 54jährige Henry Peschar, Vorsitzender des Allgemeinen Rechnungshofes. Zu welchem Urteil diese drei auch kommen werden, die Öffentlichkeit wird ihnen trauen

Linke, auf Aufklärung der Affäre bedachte Zeitungen argwöhnen allerdings, daß es sich bei den Dreien um eine "Kavalierskommission" handeln könne. Sie mußte sich erst einmal Geld besorgen, als sie ins Ausland reisen wollte. Ihr fehlt auch der Stab der harten, aggressiven Untersuchungsbeamten, mit denen die amerikanischen Senatsausschüsse ihre Ergebnisse erzielen. Dabei sind die Schwierigkeiten der Kommission beträchtlich.

Die Vorgänge, die zu durchleuchten sind, liegen fünfzehn Jahre und länger zurück. Der holländische Verteidigungsminister, der die Entscheidung zum Ankauf der Starfighter vorbereitete, ist 1973 gestorben. Zudem dauerte der Entscheidungsprozeß mehrere Jahre lang; entschieden wurde schließlich gemeinsam von den Verteidigungsministern der Niederlande, der Bundesrepublik, Italiens und Belgiens. Die Niederlande kauften am Ende 138 Starfighter, achtzehn davon wurden mit amerikanischer Militärhilfe bezahlt.