Noch kein Jahrhundert alt – und längst bildet der Jazz keine Einheit mehr. Spezialisierung und Spezialistentum haben sich auch hier, wie anderswo in dieser arbeitsteiligen Welt, durchgesetzt. Old-Time-Fans halten sich beim Free Jazz die Ohren zu, Gegenwartsapologeten verweigern der New-Orleans-Tradition die Bezeichnung Jazz. Das schlägt sich in den Festivals nieder: Die Gemeinden bleiben unter sich, oder man koppelt die großen Namen vom Swing bis zum Rock, als wäre ein Star-Sammelsurium Garantie für Qualität. Es gibt zunehmend Treffen, bei denen Stilrichtungen der sechziger Jahre schon als hoffnungslos veraltet und reaktionär gelten.

Das Nürnberger Ost-West-Festival, das nun schon seit zehn Jahren jedes zweite Jahr stattfindet, macht diese Spezialisierung nicht mit. Seine Spezialität ist es, regelmäßig an eine Entwicklung zu erinnern, die vor anderthalb Jahrzehnten Aufsehen erregt hat und seither nahezu aus dem Gesichtskreis verschwunden ist: an die zeitweise den mitteleuropäischen Bemühungen überlegenen Experimente in Osteuropa, vor allem in Polen. Gewiß, man kennt einige Spitzenmusiker: Michal Urbaniak, Jan Hammer, Miroslav Vitous – aber erst, seit sie in den Westen übersiedelten.

Sie waren auch diesmal in Nürnberg, die Stammgäste aus Polen, und die Wege, die sie gegangen sind, führen in sehr, unterschiedliche Richtungen. Zbigniew Namyslowski, der in den frühen sechziger Jahren mit einem an Dave Brubeck orientierten Quartett einen spaßigen polnischen Paul Desmond abgab, macht heute milden Pop-Jazz, der kaum originelle Aspekte erkennen läßt. Jan „Ptaszyn“ („das mickrige Vögelchen“) Wroblewski, technisch der stärkste polnische Saxophonist, spielt mit seiner Gruppe Mainstream und der versierten Sängerin Ewa Bern im Grunde den gleichen anregenden, swingenden Jazz, den er vor mehr als zehn Jahren im Andrzej Kurylewicz Quintett bot.

Am konsequentesten weiterentwickelt hat sich ohne Zweifel der Trompeter Tomasz Stanko, der schon früher in den avanciertesten Formationen von Krzysztof Komeda (dem „großen Mann“ des polnischen Jazz) und von Andrzej Trzaskowski dabei war und jetzt mit Urbaniaks Pianisten Adam Makowicz und dem einfühlsamen All-Round-Schlagzeuger Czeslaw Bartkowski auftritt. Stanko, der Don Cherry und Miles Davis als seine Vorbilder nennt, liefert erfinderische, besinnliche, meditative Improvisationen, die einen Ton auch einmal ausklingen lassen, sich dann eruptiv überschlagen, ohne sich freilich zu verlieren.

Gern hätte man eine unmittelbare Konfrontation der Klavier-Solisten erlebt. Denn einen Abend nach den humorvoll knappen, aphoristischen Etüden Makowiczs verwies Alexander von Schlippenbach in fulminantem Alleingang mit kraftvoll impulsiven Großformen auf ein Spektrum von Alternativen: Da klapperte er hagerzerbrechlich über die Tasten, um gleich darauf in harter Dynamik rasche Folgen von geballten Clusters zu produzieren, modern und unmittelbar suggestiv zugleich. Makowicz und von Schlippenbach wäre als dritte Möglichkeit noch Keith Jarrett entgegenzusetzen gewesen, der mit einem Quartett neuerlich auftrat.

Ein Höhepunkt unter anderen, die ungenannt bleiben müssen, war die Jam-Session des Yosuke Yamashita Trios mit Stanko und von Schlippenbach. Das spontane Gruppenspiel ist ja leider aus der Mode gekommen (es passierte schließlich – ein würdiger Ausklang – noch einmal, als Archie Shepp, Harold Singer, Jimmy Woodi und Stu Martin für den erkrankten Joe Turner einsprangen), und auch hier gab es Schwierigkeiten, Stanso in das aggressiv-orgiastische Konzept der Japaner zu integrieren, aber allein ein Dialog zwischen Yamashita und von Schlippenbach an zwei Klavieren lohnte den Abend.

In Nürnberg wurde nur wieder einmal bewußt, welche Bedeutung die Umgebung für den Jazz hat. In einer gigantomanischen Zeit, wo es der Ehrgeiz mancher Musiker und, begreiflicherweise, der Veranstalter ist, Konzerte im Stadion zu geben, muß daran erinnert werden, daß der Raum die Musik verändert, nicht nur akustisch mit den oft schlicht unzumutbaren Verstärkeranlagen.