Frankfurt/Main

Der Leibhaftige schien nach Frankfurt am Main; gekommen zu sein. Im Schatten der Paulskirche seine Insignien: eine gepanzerte Luxuskarosse, mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmückt. Und rundherum Polizei, einige Hundertschaften. Nelson Rockefeller war erschienen. Die Ortsleitung Frankfurt der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) begrüßte und entlarvte ihn in dieser Reihenfolge: „Milliardär, Finanzmagnat, Monopolkapitalist und Vizepräsident der USA.“ Damit war alles gesagt. Für die ultralinken Kampfverbände ist der amerikanische Vizepräsident Rockefeller Symbolfigur des verwerflichen kapitalistischen Systems.

Als Beitrag der Bundesrepublik zum 200. Gründungstag der Vereinigten Staaten von Amerika waren Ehrengäste in Kompaniestärke am vergangenen Wochenende zu einer Feierstunde in die Frankfurter Paulskirche geladen worden. Der Verein Atlantikbrücke und die Steuben-Schurz-Gesellschaft hatten die Demonstrationen amerikanisch-deutschen Zusammengehörigkeitsgefühls arrangiert. US-Vize Rockefeller und Kanzler Schmidt artikulierten Gemeinsamkeiten. Während in Festreden die vereinte Verteidigung beschworen wurde, blockierten Bauern im hessischen Landkreis Hersfeld mit Straßensperren einer US-Pioniereinheit, die eine Brücke über die Fulda bauen wollte, den Zugang zu ihren Feldern. Die Sorge, Flurschäden könnten die Ernteerträge mindern, war stärker als die Verteidigungsbereitschaft im Namen der Freiheit...

Die Herausforderung, so meinte Rockefeller, sei eine Welt, die zu zwei Dritteln vom Kommunismus beherrscht werde. Allerdings: Dicht um ihn herum waren die Kommunisten zwar außerordentlich aktiv, aber in einer hoffnungslosen Minderheit. Der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) hatte inmitten des Wochenend-Trubels einen Informationsstand montiert, mußte jedoch umgehend der Polizeigewalt weichen. „Wenn sie im öffentlichen Verkehrsraum einen solchen Stand aufbauen wollen“, so wurde den Agitatoren bedeutet, „dann brauchen sie eine Genehmigung.“ Nur zaghaft setzte sich die revolutionäre KBW-Jugend zur Wehr: „Nicht der Verkehr wird gestört, sondern die Propaganda-Schau mit Rockefeller, weil wir hier die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe aufklären.“ Aber das nutzte nichts, und die Polizei zog ungerührt mit dem Anti-Rockefeller-Material unter dem Arm ab.

Bei einem anderen Polit-Stand, „Stoppt das Wettrüsten“, konnte es der Anführer des polizeilichen Sicherungstrupps nicht glauben: Ihm wurde tatsächlich eine amtliche Genehmigung präsentiert! Das war eine Überraschung. Wurden da doch mit Friedenstauben garnierte Flugblätter verteilt, und das sollte amtlich in Ordnung sein? Kein Wunder, daß er las und las und las. Aber es hatte alles seine Richtigkeit und es durfte weiter „für Frieden, demokratische Reformen und soziale Sicherheit“ geworben werden; mit der Aufforderung: „Mit der Abrüstung beginnen!“

Nebenan wurde unbehelligt „Der Kriegsruf“ verteilt. Auch „Der junge Soldat“ lag aus. Wenn ringsumher und kreuz und quer um Menschen gerungen wurde, durfte die Heilsarmee nicht fehlen. Die militanteste Gegnerschaft kam von der Europäischen Arbeiterpartei (EAP), die „Rockefeller vor’s Nürnberger Gericht“ forderte. Am Rande der Polizeibarrieren verkündeten die EAP-Missionäre: „Rockefeller legt alles darauf an, sobald wie möglich – durch eine nukleare Eskalation im Nahen Osten – eine atomare Konfrontation mit der Sowjetunion herbeizuführen.“ Mit der Hartnäckigkeit der Zeugen Jehovas suchten sie ihr Anliegen an den Mann zu bringen. Vor ihrem Agitationseifer war keiner sicher.

Giftig und aggressiv war die Atmosphäre am Rande des Sicherheitsgürtels, der von Polizei-Hundertschaften um die Paulskirche gezogen worden war. Die Anti-Rockefeller-Agitatoren ließen sich von den Thesen ihrer Heilslehren nichts abhandeln, zwischen den Generationen gab es keine Brücke. Zynisch beendete ein junges Mädchen den Wortwechsel mit einer älteren Dame: „Es tut mir leid, daß ich Ihre Rente bezahlen muß.“ Vergeblich wurde der Geist Rosa Luxemburgs beschworen und daran erinnert, daß Freiheit immer nur die Freiheit der Andersdenkenden sein sollte.

So war alles echt: Die hehren Paulskirchen-Reden, die Unduldsamkeiten vor der Tür auf den Straßen ... Nur der Bombenalarm, der am Vorabend des Festtages von einem Straßenwärter ausgelöst wurde, war falsch. Bei näherer polizeilicher Untersuchung entpuppte sich die „Bombe“ als Attrappe. Gerhard Ziegler