Von Nikolaus Lobkowicz

Ralf Dahrendorf hat die Mitglieder des Arbeitskreises „Wissenschaftsforschung in der BRD“, darunter namentlich Lübbe und mich, um eine Klarstellung gebeten.

Wenn ich ihn richtig verstehe, will er wissen, ob sein Eindruck zutreffe, daß unser Arbeitskreis „sich die Zeitstimmung zunutze gemacht und der Starnberger Theorie politische Intentionen unterstellt (hat), um sie alsdann in der Akte ‚Radikale‘ abzulagern“; fordert er uns auf, dem öffentlichen Eindruck entgegenzutreten, als machten wir uns „zu Sprechern jener klammen Provinzialisierung, die die deutsche Wissenschaft zunehmend ergreift“; und vertritt er selber die Behauptung, es sei nicht nur billig, sondern schlicht unredlich, politische Kritik an die Stelle der wissenschaftlichen zu setzen.

Obwohl ich gerade in den letzten Jahren verlernt habe, darauf zu achten, wie wer über mich denkt, will ich mich gern um eine solche Klarstellung bemühen. Da ich allerdings weder eine einheitliche Zeitstimmung auszumachen vermag noch etwas von einer klammen Provinzialisierung der deutschen Wissenschaft weiß, will ich mich darauf beschränken, kurz der Frage nachzugehen, ob es tatsächlich unredlich sei, wissenschaftliche Theorien einer politischen Kritik auszusetzen.

Selbstverständlich ist es unredlich, gegen eine wissenschaftliche Theorie einzuwenden, ihr Autor sei ein Faschist, ein Linksradikaler oder ein Vertreter der bürgerlichen Wissenschaft; ja es wäre nicht nur unredlich, sondern vor allem dumm. Denn bekanntlich sind, sofern man überhaupt von ihrer Wahrheit sprechen kann, Theorien wahr oder falsch, unabhängig davon, wer sie vertritt oder wessen Interesse sie dienen. Ebenso wäre es unredlich,Autoren von Theorien Intentionen zu unterstellen, welche sie nicht haben; ich kann mich auch nicht erinnern, daß bei unserer Tagung von politischen Intentionen, sei es der Starnberger, sei es anderer, über die wir sprachen, die Rede war.

Um so mehr war dagegen bei unserer Tagung von politischen. Auswirkungen bestimmten Theorien sowie von theoretischen Hintergründen bestimmter wissenschaftspolitischer Entwicklungen die Rede. Dies erscheint mir in keiner Weise unredlich; doch es bedarf einer Klarstellung.

Wenn beispielsweise eine astronomische Theorie politische Auswirkungen hat, wird man dies kaum als Einwand gegen sie vortragen können; denn sie ist richtig oder falsch, was immer sie oder ihre Veröffentlichung bewirken mag. Doch wie Dahrendorf als Soziologe nur allzugut weiß, steht es mit den meisten geistes- und sozial wissenschaftlichen Theorien anders; da in sie anthropologische, metaphysische, soziale, politische, kurz normative Prämissen einfließen, ist es bei ihnen, im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Theorien, oft gar nicht möglich, in naiver Weise über ihre Wahrheit beziehungsweise Falschheit zu entscheiden. Man zieht deswegen Überlegungen darüber heran, ob sie zum Verständnis des fraglichen Phänomens beitragen, ob sie unserer Vorstellung vom Menschen gerecht werden, ob sie ein. vernünftiges Zusammenleben fördern würden, ob ihre Verwirklichung allen oder nur bestimmten Gruppen dienen würde, und ähnliches mehr.