Am Grabe der kommunistischen Gewalttäterin Ulrike Meinhof wollte ein Trauerredner ihr vertanes Leben als „Antwort auf die deutschen Verhältnisse“ rechtfertigen. Der so sprach, hat Ursache und Wirkung vertauscht. Die deutschen Stadtguerilleros haben durch ihren Terror erst jene Verhältnisse geschaffen, die den Staat so reagieren ließen, daß er ihrem Zerrbild von unserer Gesellschaft ähnlich wurde.

Einige Dutzend Kämpfer könnten die politische Szene grundlegend verändern, schrieb Ulrike Meinhof aus dem Untergrund. Fürwahr – es’ist der „Rote Armee Fraktion“ und ihren nachgewachsenen Irrläufern trefflich gelungen. Daß die Parteien des Bundestages durch Verfassungsänderungen und Gesetze die Freiräume unseres Rechtsstaates eingeschränkt haben, daß Polizeikugeln heute lockerer sitzen als vor zehn Jahren, daß wie zu Zeiten Metternichs nach der sinnlosen Ermordung des Dichters Kotzebue wieder Gesinnungsschnüffler am Werke sind und junge Menschen zu Duckmäusern degenerieren, daß alle unsere Nachbarvölker abermals den häßlichen Deutschen entdecken – haben die Bombenwerfer und Bankräuber all dies wirklich gewollt?

Ulrike Meinhofs tödlicher Irrtum ist es gewesen, daß sie das Deutschland des Jahres 1972 mit dem China des Jahres 1927 verwechselte. Deutsche Arbeiter streiken für eine Schachtel Zigaretten, aber sie lassen sich keine Gewehre in die Hand drücken, um in diesem Lande für die Freiheit ferner Völker zu kämpfen. Jene, die sich zur Avantgarde der Arbeiter und Intellektuellen zählten und mehr Mao als Marx im Munde führten, hatten das erste Gebot der Revolution vergessen – die konkrete Analyse einer konkreten Situation. Kj.