Die italienische Region Friaul – Julisch – Venetien war gerade dabei, ihr touristisches Image auch im Hinterland ein wenig aufzupolieren. Bekannt waren ja bisher nur die Küstenorte. Die Erdbeben der letzten Tage haben alle diese Anstrengungen zunichte gemacht.

Das Hinterland nördlich und östlich von Udine war nur Kunstkennern ein Begriff. Selbst Johann Gottfried Seume ging auf seinem berühmten „Spaziergang nach Syrakus“ (1802) achtlos an Cividale,Aquileia und Udine vorüber. Nur selten stiegen in den letzten Jahren Jugoslawien-Reisende in einem jener reizvollen Städtchen aus, die jetzt in Trümmern liegen.

Eines der schönsten Kleinode im Hinterland, Cividale del Friuli, blieb wie durch ein Wunder nahezu unversehrt, obwohl es genau auf jener Linie der am meisten heimgesuchten Orte liegt, die sich an den Südhängen und im Vorland der Julisch-Karnischen Alpen hinzieht. Sogar die Teufelsbrücke über die Schlucht desNatisone in Cividale steht. Dörfer in der Nähe wie S. Pietro .al Natisone oder Faedis freilich wurden von der vollen Wucht der Erdstöße erschüttert.

In Udine selbst beschränkten sich die Schäden meist auf ältere Wohnhäuser. Einige historisch wertvolle Bauten, wie Kathedrale, Erzbischöflicher. Palast und Gemäldegalerie, die schon Erdbeben früherer Jahrhunderte überstanden hatten, mußten freilich gesperrt werden.

Schlimm dagegen sehen einige andere Orte nördlich von Udine aus, die dank ihrer Sehenswürdigkeiten unter Kennern schon immer einen Namen hatten. Zum Beispiel Gemona an der Straße Tolmezzo –Udine, ein mittelalterliches Städtchen mit einer Vielzahl alter Bauwerke. Es wurde zu 90 Prozent zerstört. S. Daniele del Friuli, Stadt auf einem Hügel an der Straße 463 hinter Gemona, in der Bibliothek wertvolle Handschriften, darunter der älteste Kommentar zu Dantes Göttlicher Komödie, wurde total eingeebnet. Es ist ungewiß, ob man nach den schweren Regenfällen noch Beste der Bibliothek finden wird. Noch ein Stück weiter an der Straße durch die Ebene von Osoppo Richtung Udine, liegt Colloredo, wo ein schwäbischer Adeliger 1302 eine schöne Burg erbaute – diese und der Ort sind völlig zerstört.

Auf zwei Hauptrouten reisten bisher deutsche Urlauber durch die Region Richtung Jugoslawien. Einmal auf der Strecke ohne Paßhöhe: Villach–Tarvisio–Udine; zum anderen durch den Felbertauerntunnel: über Gailbergsattel–Plöckenpaß –Tolmezzo–Carnia–Udine. Die erste Strecke, als „Pontebbana“ in Römerzeiten wichtigste Verbindung über die Alpen, führt an schroffen Felswänden vorbei durch das Fallatal („Kanaltal“). Das Erdbeben hat tonnenschwere Brocken auf die Straße geschleudert, die zwar inzwischen größtenteils weggeräumt wurden. Doch konnten die Seitenwände nur notdürftig abgestützt werden. Bei schweren Regenfällen im Sommer muß man mit dem Nachsturz von Gesieinsmassen rechnen, die unter Umstäncen tagelang die Straße blockieren. Ähnlich sieht es an der Südrampe des Plöckenpasses aus. Beide Straßen sind vielfach durch Querrinnen und Erdspalten aufgerissen, Brücken haben sich aus den Verankerungen gelöst und können bei Hochwasser einstürzen.

Entlang beider Routen fehlen jetzt auch die Möglichkeiten zum Übernachten: Fast alle Gasthöfe, Motels und Hotels sind zerstört. Auf den Campingplätzen stehen jetzt die Notunterkünfte der Obdachlosen. Von einem dritten, allerdings nur wenigen Urlaubern bekannten Alpenübergang, vom österreichischen Naßfeld über den Passo di Pramollo, weiß man bisher nur, daß auch hier Bergrutsche die Straße versperren. Dieser ohnehin enge Verkehrsweg kommt als Alternative zu den bilden genannten Nord-Süd-Strecken nicht in Frage.

Zwei Hauptstrecken stehen somit für die Reise nach Istrien zur Wahl: Entweder die Autobahnabschnitte Brenner–Venedig–Udine–Triest oder die Straße Klagenfurt–Loiblpaß–Ljubljana–Rijeka. Der Loibl ist immer noch besser als der wesentlich steilere Wurzenpaß. Als problemlos für Wohnwagengespanne gilt die kleine Umwegstrecke Villach–Tarvisio–Kranjska Gora–Jesenice–Ljubljana, beziehungsweise die bereits genannte Autobahnroute durch Oberitalien. Bahnreisende nach Jugoslawien kommen mit dem Erdbebengebiet nicht in Berührung. In Slowenien richteten die Erdstöße nur in Kranjska Gora und Bovec Schäden an einigen älteren Hütten an. Die durchweg neuen Hotels blieben völlig unversehrt. Ebenso unversehrt sind auch sämtliche Adria-Badeorte der Region Friaul–Julisch–Venetien wie Grado, Bibione oder Caorle.. Jakob Volimar