Von Wolfram Runkel

Natürlich kam wieder mal alles anders als geplant. Ich wollte nämlich in Norwegen wandern, und zwar "nicht in einer organisierten Gruppe", wie ich dem Norwegischen Fremdenverkehrsamt mitgeteilt hatte, sondern allein. Ich wollte so ganz die Einsamkeit Norwegens erleben, sehen wie ich allein mit der Natur und mir klar käme. Klar, hieß es, das ginge.

Als der Termin näher rückte und sich meine Zweifel an meiner Einsamkeits-Tauglichkeit verstärkten, fragten mich die Norweger, ob ich nicht in der Berglandschaft Rondane in Mittelnorwegen zusammen mit einem englischen Journalisten von der "Sunday Times" wandern wolle. Nun, gut. Die Norweger überzeugten mich schließlich auch noch, daß wir in dieser gefährlichen Gegend nicht ohne erfahrenen Führer rumgeistern sollten. So begleitete uns Klaus Hellberg, Bergführer und norwegischer Sabotage-Held des Zweiten Weltkriegs.

Im Zug von Oslo nach Otta sagte der freundliche Klaus, daß er noch eine Freundin mitgenommen habe. Und die hatte noch ihre Tochter dabei, 16 Jahre, ein süßes, hinreißendes, blondes exemplarisches Modell norwegischer Schönheit. Auf ihrem Rucksack stand geschrieben: Peace and Sex. Und mein Kollege Brian fragte sie liebevoll: "Wofür brauchst du Frieden, solange du Sex hast?"

An dieser Stelle entschloß ich mich endgültig, meine friedvollen Einsamkeitspläne zu vergessen und mich auf eine frisch-fröhliche Flirt- und Flachs-Picknick-Tour ins Blaue einzurichten.

Von Otta brachte uns ein Auto nach Mysusetter an den Rand des Rondane-National-Parks. In dieser naturgeschützten Gebirgslandschaft (Rondane ist ein altnorwegisches Wort für Gebirge) dürfen keine Autos, beziehungsweise nur die Verpflegungswagen der "Hyttas", der Wander-Herbergen, fahren. Von jetzt an hieß es: zu Fuß. Wir durften aber – welche Enttäuschung für einen echten Wanderer – die Rucksäcke auf dem Verpflegungswagen der Rondvassbu-Hütte, unserem Tagesziel, liegen lassen.