Warum im Tarifkonflikt soviel schiefgelaufen ist

Von Werner Mühlbradt

Vier gravierende Fehler hat die zentrale Streikleitung der Industriegewerkschaft Druck und Papier in ihrem Arbeitskampf gemacht", urteilte ein gewerkschaftlicher Tarifexperte, der seit 15 Jahren an exponierter Stelle in diesem Geschäft tätig ist und bei mancher Streikaktion den Finger in der Nähe des entscheidenden Knopfes hatte.

Der erste Fehler: die Bekanntgabe des Streikziels mit genauer Quantifizierung, jener magischen Sechs vor dem Komma, die in der Endphase des Druckerstreiks wie ein Stolperdraht im Wege lag. "Niemals haben wir nach Bekanntgabe der Forderung erklärt, in welcher Höhe wir genau abschließen wollen", erklärte dieser Spitzenfunktionär aus der Nachbargewerkschaft.

Natürlich möchte jede Gewerkschaft, die in eine Tarifauseinandersetzung geht, einen gewissen Zusammenhang zwischen Forderung und Ergebnis wahren. Nach der alten "Brenner-Formel" (so benannt nach einem Ausspruch des verstorbenen Vorsitzenden der IG Metall, Otto Brenner) gilt ein Abschluß als Erfolg, wenn 70 bis 75 Prozent der ursprünglichen Forderung durchgesetzt werden. Die IG Druck hatte bereits ihre neunprozentige Forderung sehr hoch angesetzt und mußte nun aufpassen, daß der Zug auf den Schienen blieb.

Streik zu früh gestoppt

Die Entgleisungsgefahr drohte schon bei der ersten Vermittlung, die am 4. und 5. Mai im Mainzer Hilton-Hotel versucht wurde. Der Vorstandsvorsitzende der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, Walter Hesselbach, bemühte sich dort mit beschwörender Eindringlichkeit, die streitenden Parteien einander näherzubringen. Unter Abwägung aller Faktoren empfahl er schließlich am Abend des 5. Mai den Arbeitgebern und der Gewerkschaft, einen Vertrag über eine 5,9prozentige Lohnerhöhung und einige Strukturverbesserungen, die rund 0,3 Prozent ausmachen sollten, abzuschließen.