Für den Feierabend

Es gibt aber auch jenen Beamten mit dem Mitgliedsbuch der Sozialdemokratie im Jackett, der weniger aus Loyalität zu seinem Auftrag als aus Freude an der Arbeit und am Arbeitsstil seines Ministers zum Mitmachen motiviert wird. Sie sind, wie etwa unter Kiep im Wirtschaftsministerium, die engagierten, auf Erfolg programmierten Managertypen, alerte Vierzigjährige aus der freien Wirtschaft, die vielen Herren dienen können, gleich welcher Partei sie angehören – Hauptsache, sie werden zu sinnvollen Leistungen herausgefordert und haben das Gefühl, daß ihre Arbeit anerkannt wird. Von ihnen, die sich aus dem Kreis der durchschnittlichen SPD-Beamtenschaft herausheben, erwartet ein souveräner Politiker wie Kiep: "Die Parteipolitik sollen sie auf den Feierabend beschränken. Am Tag müssen sie dem Staat dienen."

Die Fälle: Schon als der bärtige Peter von Oertzen (noch unter dem SPD-Regierungschef Kübel) als Kultusminister seinen Hut nahm, hätten – so hört man in Hannover – einige seiner Reformjünger unter den Referenten ihre Kinnbärte gestutzt und ihre Jeans in den Schrank gehängt. Erst recht nach dem jähen Februar-Sturz der Sozialdemokraten in die Verliese der Opposition hat Biederkeit Einzug in das Amt für Wissenschaft gehalten. Hier waren, unter dem Reformenthusiasten Oertzen, junge Hochschulabsolventen zum Zorn der älteren, schon lange auf ihre Beförderung wartenden SPD-Beamten an die Schaltstellen der Bildungsplanung gehievt worden.

Zwei von ihnen wollte der neue Minister nun den Laufpaß geben: Versetzung zum Regierungspräsidenten von Stade, aufs platte Land. Dagegen erhoben sie mit Erfolg Einspruch – weil der Verdacht der "politischen Begründung" bestand und keine "gleichwertige Verwendung" gewährleistet war, wie es das Beamtengesetz vorschreibt. Der eine war als Referent für Personalfragen, der andere für die Hochschulgesetzgebung zuständig gewesen. Jetzt bleiben beide im Ministerium, wenn auch in anderer Position: im Baureferat der eine, im Organisationsreferat der andere. Aber während der eine mit seiner Versetzung einverstanden ist und für den erzwungenen Wechsel auch Verständnis aufbringt, fühlt sich der andere nach wie vor degradiert (obwohl er inzwischen zum Regierungsdirektor befördert wurde) und will vor das Verwaltungsgericht gehen. Er habe, klagt er, in seiner neuen Position an Prestige eingebüßt. Fällt ihm nichts Besseres ein, wird er seinen Prozeß wohl verlieren.

Doch die Masse der niedersächsischen SPD-Beamten hat sich mit ihren neuen Herren abgefunden, mehr recht als schlecht. Viele von ihnen sind Parteibuchbeamte, die als Berufsbeamte dennoch nicht in Pension geschickt werden können. Sie müssen mit den CDU-Ministern leben wie diese mit ihnen und zusehen, wie sie mit dem Konflikt zwischen beiden Loyalitäten, der zum Staat und der zur Mutterpartei, aus dem Wege gehen.

Oder warten sie etwa, indem sie ihren Dienst nach Vorschrift oder ihre Arbeit wie gewohnt machen, auf neue, für sie bessere Zeiten? Auch in Hannover blicken die Politiker wie gelähmt auf das magische Datum vom 3. Oktober. Nach der Bundestagswahl, so wird in der Partei wie in der Fraktion der niedersächsischen Sozialdemokratie gemunkelt, kann es wieder zu einer Großen Koalition im Leineschloß kommen. Und dann wäre zumindest ein Teil der parteitreuen Beamten der Sorge ledig, zwei Herren dienen zu müssen – dem Staat, dem sie verpflichtet, und der Partei, der sie verschworen sind.