Hamburg

Eigentlich schien der Fall "Michael Gartenschläger" abgeschlossen. Die Taten des 32jährigen Hamburgers, der binnen weniger Wochen zweimal an der Zonengrenze Selbstschußapparate vom Typ "SM 70" abmontiert hatte und beim dritten Versuch, in der Nacht zum 1. Mai, bei Lauenburg von Soldaten der Nationalen Volksarmee erschossen wurde, waren – je nach politischem Standort – als heldenhafter Protest gegen den zweiten deutschen Staat eingestuft worden oder aber als halsbrecherisches Manöver eines Einzelgängers. Nun aber sind neue Worte im Spiel: "Spionage und Verrat". Der Fall Gartenschläger erscheint in einem anderen Licht.

Am 4. Mai sprach in Hamburg der 34jährige Maler Gerd-Peter Riediger Beamte eines Funkstreifenwagens an, tags darauf tauchte er beim Verfassungsschutz auf und offenbarte sich als Agent des Ostberliner Ministeriums für Staatssicherheit. Er sei früher in mehrere Fluchthilfeaktionen verwickelt, öfters in der DDR gewesen und dort "umgedreht" und verpflichtet worden, Informationen über seinen alten Bekannten Michael Gartenschläger zu sammeln. Sie reichten von dessen Auto- und Telephonnummer bis hin zu etwaigen Protestaktionen an der Grenze. Zwar habe er die Aufträge nicht erfüllt, fürchte aber nun, daß Gartenschlägers Freunde annähmen, er habe dessen Pläne für den Diebstahl der Todesautomaten verraten und so seinen Tod mitverursacht. Deshalb bitte er um Schutz.

Die Mitarbeiter des Amtes bedeuteten ihm, sie könnten dies nicht überprüfen. Er solle sich der Polizei stellen und dort alles erzählen. Riediger willigte ein, wurde am 6. Mai von Beamten der Politischen Polizei (K 4) zu Hause abgeholt, vernommen und anschließend der Lübecker Staatsanwaltschaft übergeben, die mit den Ermittlungen des Falles Gartenschläger befaßt ist. Die Untersuchungen führt, weil der Verdacht auf geheimdienstliche Tätigkeit besteht, der Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht in Schleswig. Zugegeben hat Riediger bisher, daß er sich zum Agentendienst für die DDR verpflichtet habe, ein guter Bekannter Gartenschlägers gewesen sei und gewußt habe, daß dieser weitere Selbstschußanlagen abbauen wollte. Doch über "konkrete Anhaltspunkte dafür, daß er diese Kenntnisse weitergegeben hat", so die karge Auskunft der Ermittlungsbehörden, verfüge man zur Zeit nicht.

Belegbar sind immerhin die Beziehungen zwischen Gartenschläger und Riediger. Beide stammen aus der DDR und wurden 1961 wegen ihrer Proteste gegen den Bau der Mauer verurteilt: Gartenschläger zu einer lebenslangen, Riediger zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe. Riediger wurde 1967 aus der Haft entlassen und mit Hilfe Bonns in den Westen geholt, Gartenschläger vier Jahre später.

Nach Auskünften der Westberliner "Arbeitsgemeinschaft 13. August" standen beide in den Jahren darauf in Hamburg miteinander in Verbindung, bis Gartenschläger sich vor etwa zwölf Monaten von dem "einstigen Haftgefährten distanziert" habe, "weil er ahnte oder sogar hundertprozentig wußte, daß Riediger für die DDR arbeitete", so Rainer Hildebrandt, mit dem sich Gartenschläger noch wenige Tage vor seinem Tod bei einem Besuch in Westberlin unterhalten hat. "Dabei brach er immer wieder aus dem Gespräch aus und redete von Riediger, weil ihn das so bedrückte." Als Zeichen für die Spitzeltätigkeit habe Gartenschläger zum Beispiel gewertet, daß zwei seiner Fluchthilfeaktionen offensichtlich verraten worden seien. Er habe nach Beweisen gesucht und geplant, Riediger "in einer ganz dramatischen Aktion, mit der Waffe in der Hand", zu stellen.

Mag sich die Geschichte auch lesen wie die Passage eines Agententhrillers – weitreichende politische Bedeutung spricht ihr der Chef des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, Hans-Josef Horchem, ab. Ebensowenig glaubt er an die Existenz einer Hamburger "Gruppe Gartenschläger", zu der nach einigen Presseberichten diejenigen Bekannten zählen müßten, die den Ausbau der Selbstschußanlagen selbst gesehen haben. Auch die "Arbeitsgemeinschaft 13. August" bestreitet, daß es eine solche festgefügte Gruppe geben könnte. Unabhängig vom Ausgang der Schleswiger Ermittlungen vermutet Horchem: "Der große Spionage-Fall ist dies nicht." Cornelia Sonntag