Aus Untergangsvisionen bezieht er Kraft

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer Gerd Bucerius geschwinden Schrittes im hellblauen, ein wenig eingelaufenem Polohemdchen ohne Schlips über die langen Gänge im fünften, sechsten oder siebten Stock des Hamburger Pressehauses eilen sieht, kommt nicht auf den Gedanken, daß der Verleger der ZEIT in dieser Woche siebzig Jahre alt wird. Ein Fremder würde ohnehin nicht glauben, in ihm einen der großen Pressezaren des Landes vor sich zu sehen.

Bei einer der wöchentlichen Redaktionskonferenzen, an denen der Jurist Bucerius stets mit Vergnügen teilnimmt, hatte er – es ist eine Reihe von Jahren her – wieder einmal mit großem Engagement zu einem komplizierten wirtschaftspolitischen Problem Stellung genommen, den Kern der Sache herausgeschält und dann seine Argumente, denen heftig widersprochen wurde; mit Verve vertreten. Ein Student, der als Volontär zum erstenmal teilnahm und dem der Auftritt offenbar imponiert hatte, fragte mich nach Schluß der Konferenz: „Ist der schon lange bei Ihnen?“ Meine Antwort verblüffte ihn sehr: „Ich bin seit über zwanzig Jahren bei ihm – das ist nämlich unser Verleger.“

Gerd Bucerius ist wahrscheinlich der einzige Verleger, der bei den üblichen Kontroversen zwischen Verlag und Redaktion grundsätzlich für die Redaktion Stellung nimmt, auch wenn dies den geschäftlichen Interessen zuwiderlaufen sollte. Seine Beziehung zur Redaktion ist, bis auf die wenigen Male, wo es Krach gab, durch eine Art Partnerschaft gekennzeichnet. Aber auch während des einzigen wirklich großen Krachs hieß es nicht: „Ich schmeiß euch alle raus“, sondern: „Ich schiheiß euch den ganzen Krempel vor die Füße, ihr könnt euch einen neuen Verleger suchen, ich ziehe mich zurück!“

Vor ein paar Wochen erhielten Theo Sommer, Diether Stolze und ich gleichlautende Briefe vom Verleger: „Liebe Freunde, Sie kennen meine Vorstellung, Diether Stolze die Führung des Verlages zu übertragen. Wann? Mir läge es, dies zu tun, bevor ich siebzig Jahre und definitiv ein Greis bin. Diether aber meint, er brauche noch ein Jahr für sich. Wenn Sie mir sagen, daß das wirklich Ihrer aller Meinung ist, will ich mich dem anschließen.

Niemals los werden Sie mich als Schreiber, da behalte ich mir alle Rechte vor. Ihr Buc.“