Was immer jetzt in Bonn geschieht – der Wahlkampf reißt alles in seinen Sog. So auch die jüngste Spionageaffäre, bei der bis zur Wochenmitte keineswegs sicher war, ob sie auch mit Heinrich Böx von der CDU oder nur mit der vollschlanken, dunkelblonden und umgänglichen Außenamtssekretärin Helga Berger zu tun hat. Unverkennbar freilich, wie manche Leute im Regierungslager sich auf die vorübergehende Festnahme des früheren Diplomaten und seine Beziehungen zu der 35jährigen kaprizierten, die man vielleicht „privatdienstlich“ nennen könnte. Die Opposition und Böx, der gegen alle Verdachtskombinationen energisch Front macht, sehen darin den Versuch, nun bei der Union einen Guillaume aufzubauen.

Solange die Ermittlungsbehörden mit Auskünften kargen, schießen Spekulationen üppig ins Kraut. Immerhin hat Frau Berger zu einer Zeit im Vorzimmer des damaligen Warschauer Missionschefs Böx gesessen, als es um die Anfänge der deutsch-polnischen Normalisierung ging. Von der DDR, in deren Sold die Sekretärin offenkundig stand, weiß man, daß sie jene Normalisierung seit jeher mit äußerstem Mißtrauen verfolgt. Und was Frau Berger dann im Büro des früheren AA-Staatssekretärs, Sigismund von Braun, und dann des Abteilungsleiters für Außenhandel und Entwicklungspolitik erfuhr, war für Dritte wichtig.

Aber auch Böx, nach seiner Pensionierung bisher Leiter des außenpolitischen Büros der CDU und stellvertretender Generalsekretär der Union der europäischen Christdemokraten, mußte für östliche Geheimdienste interessant bleiben. Er knüpfte an den Fäden mit, die von der Union zu Gleichgesinnten in Spanien und Portugal angesponnen worden sind. Zu den Sitzungen des Bundesvorstands der CDU und den Besprechungen der Abteilungsleiter in der Parteizentrale standen ihm die Türen offen. Sein Schwiegersohn ist persönlicher Mitarbeiter des Fraktionsvorsitzenden Carstens.

Frau Berger arbeitete für ihren ehemaligen Chef nebenher weiter. Offenbar brachte sie für Böx auch Dinge zu Papier, die er nicht irgendwem diktieren mochte. Aber ob diese persönlichen und sachlichen Verknüpfungen zu einem Eklat führen, im Außenamt oder bei der CDU, ist völlig offen. Bestätigt hat sich nur, daß vor Spähern niemand gefeit ist. In der Warschauer Botschaft hat es schon einmal eine Spionin gegeben; das Auswärtige Amt erinnert sich an den Fall der Frau Sütterlin; bei der CDU ist bis heute ungeklärt, ob sich vor einiger Zeit jemand für ihre Parteitelephone interessiert hat. Für den Wahlkampf eignet sich der jüngste Fall jedenfalls nicht.

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Mit dem „Nein“, mit dem die CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat in der vergangenen Woche die Berufsbildungsreform zunächst scheitern ließ, will sich das Regierungslager nicht abfinden. An den Einzelheiten wird noch gefeilt, doch der Vorsatz ist klar, den Gesetzestext im Eilverfahren so zuzuschneiden, daß er der Zustimmung der Länder nicht mehr bedarf. Der ursprüngliche Kern der Reform – eine Finanzierungsumlage bei Betrieben Von einer bestimmten Größenordnung an, wenn die Nachfrage nach Lehrstellen und das Ausbildungsangebot auseinanderzuklaffen drohen – soll erhalten bleiben. Auf die Verwaltungsregelungen hingegen will man allem Anschein nach verzichten und sie den Ländern in Eigenregie überlassen.

Käme es so, dann zeigte sich die Koalition in diesem Punkt geschlossener, als man bisher annehmen konnte. Der von der Opposition ausgelegte Köder würde verschmäht: Er besteht in dem Vorschlag, statt einer Umlage einen Zuschuß für die Betriebe zu beschließen. Durch steuerrechtliche Bestimmungen soll nun umgekehrt die Opposition geködert und unter Druck gesetzt werden. Und schließlich versprechen sich die Regierungspartner von dem Verzicht auf Verwaltungsregelungen, daß die Eigenregie in den sozialliberal regierten Ländern einen Sog erzeugt, dem sich die unionsregierten Länder nicht entziehen können.