Die nächste Wahl wird uns so leicht gemacht, daß man das Wahlalter ruhig von 18 auf sechs herabsetzen könnte. Dem Wahlslogan der Union entsprechend haben wir nämlich nur die Wahl zwischen Freiheit und Sozialismus. Nun werden sich unsere Nachgeborenen sicher dereinst fragen, wie die Union auf diesen ebenso einfachen wie originellen Wahlspruch gekommen ist, beziehungsweise: Wie ihr die Entdeckung dieser Marktlücke – fehlende Freiheit in der Bundesrepublik – gelang. Nun, das kam so.

Als die Wahlstrategen der Union – Abt. Südschiene – sich wieder einmal den Kopf über einen zündenden Wahlschlager zerbrachen, kam man bald zum Kern. Woran fehlt es den Deutschen, was könnten sie von der Union beziehen, und wie könnte man daraus einen Wahl-Slogan formulieren? Wie gewöhnlich meldete sich sofort Herr Sachlich zu Wort: "Wozu brauchen wir überhaupt einen Slogan? Wir wollen doch kein Waschmittel verkaufen. Auf so was fällt der mündige Bürger doch sowieso nicht mehr rein." Allseitig heftiger Widerspruch. Darauf schlug er vor, dem Wähler Alternativen zum Regierungsprogramm anzubieten. "Haben wir denn welche?" fragte Herr Zweifel maliziös. Peinliches Schweigen.

"Wenn man nur wüßte, was der Wähler am liebsten will, außer mehr Geld", sagte Herr Unsicher. Darauf rief jemand aus dem Hintergrund: "Ich nehme mir die Freiheit, darauf hin ..." wurde aber sofort von einem jubelnden "Jaaa...!" unterbrochen.

Freiheit – das war das erlösende Wort! Daß darauf keiner früher gekommen ist – und gar der Gegner! Zwar goß Herr Zweifel etwas Essig in den süßen Wein, als er fragte, ob "Freiheit" nicht ein bißchen vage klänge und ob es den Bundesbürgern wirklich vor allem an Freiheit fehle, aber Herr Zynisch bügelte ihn mit dem Argument nieder; "Das spricht jeden Wähler an, der sich daheim von seinen Eltern, vom Ehepartner oder im Büro vom Chef unterdrückt fühlt, und sich darum nach mehr Freiheit sehnt. Denen geben wir neue Hoffnung."

Nur Herr Redlich schüttelte den Kopf: "Wie wollen wir dem Wähler klar machen, daß ihn Strauß und Dregger die Freiheit bringen, die er bei Genscher, Friderichs und Maihofer verloren hat?" Aber diesen Einwand ließ die Versammlung nicht gelten, eher schon den, "Freiheit" sei als Slogan zu kurz. – "Wir müssen dem Wälder auch noch mit aller Härte klar machen", forderte Herr Kraftmeier, "was ihm blüht, wenn er die Koalition wählt: der undemokratisde Sozialismus!"

Damit war der CDU/CSU Wahl-Slogan ’76 "Freiheit statt Sozialismus" geboren. Berauscht von ihrem Erfolg, einen so zugkräftigen Wahlspruch gefunden zu haben, erhoben sich die Delegierten und brachen – so inbrünstig wie der Chor der Gefangenen im "Fidelio" – in den Ruf "Freiheit! Freiheit!" aus.

Nur bei einigen wenigen Teilnehmern – Abt. Nordschiene-Biedenkopf – waren nicht alle Bedenken ausgeräumt. "Könnte der Ruf nach mehr Freiheit nicht mißverstanden werden und der Anarchie Vorschub leisten, zumindest aber als Freibrief für Radikale im öffentlichen Dienst verstanden werden? Würden wir uns nicht womöglich gezwungen sehen, einige unserer Reform-Bremsen zu lockern?" fragte das CDU-Mitglied Aufderhut.

Aber sein Parteifreund Heiligzweck beschwichtigte ihn: "Bei wem der Slogan ankommt und uns Stimmen bringt, kann uns piepegal sein – und wenn wir sie von den Verkehrsteilnehmern kriegen, die immer schon von der Freiheit träumten, auch mal bei ‚rot‘ eine Kreuzung überqueren zu dürfen."