Erstmals haben die Berliner Wettbewerbshüter nicht nur die Marktanteile von Fusionsanwärtern addiert, sondern einen neuen Maßstab angelegt.

Nach dem Einspruch des Bundeskartellamts gegen die Übernahme von knapp 75 Prozent der Fichtel & Sachs AG durch den englischen Konzern Guest, Keen and Nettlefolds (GKN) verhandelten beide Vertragspartner die neue Lage in London. Zwischen den Briten und den brüderlichen Sachs-Erben Ernst Wilhelm und Gunther, die bei dem geplanten Anteilsverkauf runde 330 Millionen Mark einstreichen, ist der vor einem halben Jahr geschlossene Kaufvertrag wieder im Gespräch.

Zwar hatte unmittelbar nach dem Spruch des Kartellamts in der vergangenen Woche Fichtel & Sachs zugleich im Namen von GKN mitgeteilt, daß beide Unternehmen nach Kenntnis der genauen Untersagungsbegründung Beschwerde beim Kammergericht Berlin einlegen wollten. Doch ist ein definitiver Beschluß darüber noch nicht gefallen.

Sachs-Anwalt Gerhard Rauschenbach, Stuttgart, bis 1970 Vizepräsident des Bundeskartellamtes und :rst seit Montag im Besitz der etwa 15seitigen Begründung des Amtes: „Ich habe bisher noch keinen Auftrag, Beschwerde einzulegen.“ Er berät die Brüder Ernst Wilhelm und Gunther Sachs seit 14 Monaten in allen kartellrechtlichen Fragen des geplanten Verkaufs.

Nach Rauschenbachs Meinung hat das Kartellamt die Fusion vor allem deshalb abgelehnt, weil es „ausprobieren“ wolle, wie weit es nach dem Kartellgesetz gehen kann: Es suche an Hand dieses Falles eine gerichtliche Entscheidung. In der Tat haben sich die Wettbewerbshüter erstmals einer Argumentation bedient, die ohne das bisher bekannte Addieren von Marktanteilen auskommt

Nach Daten des Bundeskartellamtes hat Fichtel & Sachs bei Auto-Kupplungen einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Der zweitgrößte Anbieter dieser Produkte auf dem deutschen Markt hält danach nur einen Anteil Ton 19 Prozent, während die übrigen ausländischen Produzenten lediglich über Prozentbruchteile verfügen. Doch selbst diese Marktstellung reichte nach der bisherigen Spruchpraxis des Kartellamtes noch nicht aus, die geplante Fusion mit GKN zu untersagen. Denn die Briten sind in anderen Bereichen tätig; insofern wird die Stellung von Fichtel & Sachs durch die Fusion nicht ausgebaut.

Nach dem Wortlaut des Kartellgesetzes wird die Marktstellung eines Unternehmens jedoch nicht allein durch den Marktanteil bestimmt, sondern auch durch andere Kriterien wie Marktzugang, Finanzkraft oder Forschungskapazität. Nach der Begründung der Bundesregierung zur Kartellnovelle, mit der die Fusionskontrolle eingeführt wurde, kann eine Verstärkung dieser Marktstellung beispielsweise auch darin gesehen werden, daß hinter einen unveränderten Marktanteil eine höhere Finanzkraft tritt. Genau dies wäre nach Ansicht des Bundeskartellamtes bei einem Zusammenschluß von Fichtel & Sachs mit GKN der Fall.