Uhldingen/Bodensee

Der Süddeutsche Rundfunk räumte der Schreckensnachricht einen Platz in den Mittagsnachrichten ein, die Blätter des Landes waren am Dienstag nach Ostern voll von erschütternden Bildern und fetten Balkenüberschriften: Das „Pfahlbaudorf“ in Uhldingen am Bodensee, zwischen 1922 und 1940 angeblich nach wissenschaftlich erhärteten Vorbildern aus der Steinzeit und der Bronzezeit Latte für Latte, Halm für Halm feinsäuberlich nachgebaut, war am Karsamstag zu einem großen Teil abgebrannt. Augenblicklich überschwemmte eine Welle von Wehmut und Wut den deutschen Südwesten, zumal die konservative Schwäbische Zeitung herausgefunden haben wollte, daß „linksradikale Jugendliche das Feuer gelegt hätten.

Das war ein Stich ins Mark schwäbischen Geschichtsbewußtseins. Denn die Pfahlbauten bedeuten den meisten Schwaben und Alemannen ungefähr soviel wie Neuschwanstein den Bayern oder das Niederwalddenkmal den Preußen. 180 000 Besucher wandelten allein im vergangenen Jahr auf der hölzernen Plattform im Uferschilf des Bodensees, um das Treiben ihrer großen Vorfahren an Hand von Nachbildungen zu bewundern. Im „Haus des Dorfoberen“ oder im „Haus des Töpfers“, beim Hirten, Bronzegießer oder in der Vorratshütte konnten Zwergweizen und Einkorn, Hirse und Peterling als Nahrung studiert werden, man sah, wie die prähistorischen Gesellen vor 6000 Jahren ihre Fischsteaks grillten oder ihren Lunch aus Glockenbechern und Schnurkeramik einnahmen. Schmieden, Gießen, Schnitzen oder Töpfern – was immer zur heilen Welt eines frühbäuerlichen Dorfes gehörte, war im Steinzeit-Disneyland am Bodensee zu bewundern.

Was aber die meisten nicht wußten, wird auch heute vom Leiter des „in dieser Art einzigen Freilichtmuseums in Europa“, Professor Hans Reinerth (78), nicht gerne publik gemacht. Das Pfahldorf ist (oder war) nämlich der hölzerne Zeuge für eine der markantesten Irrlehren der Wissenschaftsgeschichte, entstanden in der völkisch schwangeren Blut-und-Boden-Stimmung der späten Weimarer Republik. Pfahldörfer, wie sie Reinerth auch heute noch mit großem handwerklichen Aufwand ständig ausbaut und einem willig zahlenden Publikum emsig vorführt, gab es allenfalls in der Phantasie einer mythisch geprägten Geschichtswissenschaft, die – von der Romantik der Gebrüder Grimm bestimmt – im bewußt nebelhaften Rückgriff auf einen Urgrund des Volkstums in der Zeit nach 1918 die Flucht aus der industrialisierten Gegenwart antrat. –

Nachdem 1855 ein gewisser Ferdinand Keller im Bodensee ein paar Holzstumpen entdeckt hatte, erfaßte die Prähistoriker nachgerade eine Pfahlbau-Hysterie. „Wehrhaft“ und „wirbewußt“, naturverbunden und organisch gewachsen, so hieß es, hätten die Steinzeitmenschen den Übergang von der Höhle zum Steinhaus über den Pfahlbau gewählt, ein Vorbild für den Menschen des 20. Jahrhunderts. Die Trivialliteratur eines Volksschullehrers namens Sonnleitner sorgte mit der Buchserie „Die Höhlenkinder“ dafür, daß die Pfahlbauwelle in jedes Kinderzimmer schwappte.

Doch nichts von alledem stimmte. Schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wagte der Tübinger Prähistoriker Oskar Paret den politisch riskanten Nachweis, daß die Steinzeitmenschen Schwabens ganz gewöhnliche Uferbewohner des Bodensees gewesen waren, ihre Holzhäuser nur wegen des morastigen Untergrundes dann und wann mit ein paar Pfählen befestigt hatten und die Dörfer erst später durch das Ansteigen des Wasserspiegels um etwa fünf Meter überflutet worden seien. Pfahldörfer gebe es allenfalls in Neu-Guinea oder Brasilien, von woher auch die Bauanleitungen für das Uhldinger Dorf importiert worden seien.

Selbst Reinerth, der in der Weimarer Zeit die Uhldinger Pfahlbauten persönlich aufgebaut hatte, schwenkte teilweise auf die Linie Parets ein, allerdings nur in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Als Leiter eines der einträglichsten Freilichtmuseen Süddeutschlands blieb er der Pfahlbau-Theorie treu, ließ weiterhin steinzeitliche Textilien zur Ergänzung seiner Häuser nachweben und entwickelte noch 1968, Jahrzehnte nach dem Eingeständnis seines Irrtums, einen „Einbaum aus der Pfahlbauzeit“.