Für den Geschäftsführer eines großen deutschen Reiseunternehmens ist es ein Rätsel: "Italien ist als Urlaubsland ein Phänomen! Selbst negative Schlagzeilen, beispielsweise über Studien, Streiks oder verschmutzte Strände können die Deutschen nicht abschrecken. Die fahren immer wieder hin..."

Im letzten Jahr waren es etwa 7,35 Millionen Bundesbürger, 1976 werden noch rund 500 000 mehr erwartet. Trotz dieser Beliebtheit bringt das Land zwischen Mailand und Neapel – im Gegensatz zu Spanien oder Griechenland – den Pauschalreiseverkäufern nicht das große Geschäft. Der Grund ist klar: Etwa 80 Prozent aller deutschen Italien-Urlauber fahren auf eigene Faust mit dem Wagen gen Süden.

Dieser Trend verstärkt sich noch. Bei Neckermann und Reisen bedauert man: "Unser Flugprogramm ist rückläufig. Italien wird – wie auch Jugoslawien – immer mehr zum Autoziel." Um noch einen Zipfel des Italiengeschäfts zu erhaschen, bieten die Touristikunternehmen seit Jahren spezielle Autofahrer-Programme an. Doch auch diesem Angebot war nur ein Teilerfolg beschieden. Karl-Heinz Helbing, Chef von Gut-Reisen, klagt: "Viele holen sich unsere Auto-Kataloge nur ab, um sich gute Unterkünfte herauszusuchen und um anschließend privat zu buchen!"

Alle Jahre wieder wird freilich die Vorfreude der Italien-Fahrer durch neue Hiobsbotschaften empfindlich getrübt. Den Reihen der Warner eröffnete der ADAC: "Wenn Sie in Italien einen unverschuldeten Unfall erleiden, sind Sie schlecht dran!" Der Autoklub berichtete, daß die zuständigen italienischen Haftpflichtversicherungen in "80 bis 85 Prozent aller Fälle auf Schadensanzeigen überhaupt nicht reagieren".

Dr. Vittorio Maggiani, Vertrauensanwalt des ADAC, der Rechtsschutzvereinigung DAS und des deutschen Generalkonsulats in Genua, reiste deshalb mit einem Koffer voll Akten nach München, um auf einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit über die Praktiken der Versicherungsgesellschaften seines Landes zu unterrichten. Marian! ("Mir schmerzt das Herz, Italien eine derartige Schande zufügen zu müssen!") erklärte, daß es die Versicherungen in der Regel auf einen Prozeß ankommen ließen, der sich bei der langsam arbeitenden italienischen Justiz über Jahre erstrecken könne.

Der ADAC betont ausdrücklich, daß es sich hier nicht um Einzelfälle handelt. Diese Entwicklung sei vor allem deshalb überraschend, weil noch vor etwa zwei Jahren in vier von fünf Schadensfällen eine schnelle Regulierung per Telephon möglich gewesen sei.

Der Deutschlanddirektor des Staatlichen Italienischen Fremdenverkehrsamtes (ENIT) in Frankfurt weiß von alledem nichts: "Die Beschuldigungen des ADAC sind unwahr. Ich kann mir das alles nicht erklären." Als "Beweis" führt er an: "Eine internationale Vergleichsuntersuchung hat ergeben, daß der Anteil von Prozessen bei Schadensfällen in Italien fast am niedrigsten liegt. Die Situation in Italien ist sogar der deutschen nicht unähnlich, denn von 100 Schadensfällen werden in Deutschland einer, in Italien aber nur 1,2 Fälle gerichtlich erledigt."