ZEIT: Was waren Ihre Gründe, sich als Unabhängiger auf der Liste der KPI für die Wahlen aufstellen zu lassen?

Spinelli: Die Kommunistische Partei hat mir am Freitagabend voriger Woche das Angebot gemacht. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen entschlossen, es anzunehmen. Vor allem bin ich überzeugt, daß die wirtschaftliche und politische Wiedergeburt des italienischen Lebens und die Errettung der Demokratie aus dem jetzigen Chaos nur möglich ist, wenn die Teilnahme aller großen politischen Kräfte gesichert ist – auch der Kommunistischen Partei.

ZEIT: Sie sehen also keine Hoffnung für Italien ohne eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten?

Spinelli: Nein. Die Christdemokraten waren ja lange genug an der Regierung. Sie sind unfähig, eine Politik für die Zukunft zu entwickeln. Damit das Land sich aufrafft, ist eine große und tiefe Solidarität notwendig, ein demokratischer Konsens. Diese Übereinstimmung kann es nicht geben, wenn man sagt: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung bleibt ausgeschlossen. Die Kommunistische Partei hat seit vielen Jahren zunehmend erkannt, daß die Perspektive ihres Lebens in Italien die Perspektive ihrer Einschaltung in den demokratischen Prozeß ist.

ZEIT: Sie haben keine Sorge, daß die Kommunisten am Ende etwas ganz anderes machen werden als das, was sie jetzt machen zu wollen vorgeben?

Spinelli: Niemand kann die letzten Gründe der Menschen ausloten. Aber man kann eine politische Analyse anstellen. Die Kommunistische Partei besteht an der Basis aus Millionen von Leuten, die normale Arbeiter und Mittelständler sind. Es sind dieselben Leute wie die deutschen oder belgischen Arbeiter, die dort sozialdemokratisch oder sozialistisch stimmen.

Die mittlere Schicht der KPI-Führung ist ein Heer von Verwaltern – guten Verwaltern von Gemeinden, von Gewerkschaften, von Genossenschaften, von Regionen. Das sind alles Leute, die in dieser Gesellschaft verwurzelt sind. Die obere Schicht, die wirklich eine revolutionäre doktrinäre Vergangenheit hatte, ist im Laufe von vierzig Jahren und mehr gezwungen worden, fortwährend die Freiheit zu verteidigen – erst gegen den Faschismus, dann gegen die Arroganz der Christlichen Demokraten. Wir haben gesehen: wann immer Gefahr bestand, sind die Kommunisten auf der Seite der Verteidigung der Rechte gewesen. Und sie haben auch sehr tief über ihre Geschichte nachgedacht. Die Verwandlung, die sie in ihrer Ideologie, ihrem Geschichtsverständnis, ihrer ideologischen Beziehung zu Rußland durchgemacht haben, ist wichtig.