Von Hayo Matthiesen

Alle schimpfen über den Numerus clausus – Helmut Schmidt hält es für möglich, ihn abzuschaffen. Aus Gründen der Liberalität und aus pädagogischen Gründen, so erklärte der Bundeskanzler, fordern die Sozialdemokraten, die Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen aufzuheben: „Die Verwirklichungschancen beurteile ich sehr hoch“ – alsbald schon, nämlich 1977, könne dieses Ziel bis auf wenige Ausnahmefächer wie Medizin erreicht werden.

Schmidts These erregte bundesweit Aufsehen, kein bildungspolitisches Programm wurde in letzter Zeit heftiger diskutiert. Das große Echo belegt die breite Verärgerung über die geschlossenen Universitäten; es deutet an, wie brisant dieses Thema gerade im Wahlkampf werden könnte, und es läßt auf eine allgemeine Hoffnung bei den Betroffenen schließen, daß die skandalösen Zustände an der Nahtstelle zwischen Oberschule und Hochschule endlich beseitigt werden.

Das Problem ist zahlenmäßig genau zu beschreiben. Im letzten Jahr haben sich 160 000 Berechtigte um einen Studienplatz beworben, in diesem werden es fast 190 000 sein. Zwischen 1982 und 1985 schnellt die Nachfrage auf jeweils 270 000 Plätze hoch; erst 1995 erreicht sie mit rund 195 000 annähernd wieder das heutige Niveau. Das heißt: In Zukunft könnten pro Jahr durchaus 100 000 Abiturienten vom Studium ausgeschlossen werden. Da es im nächsten Jahrzehnt nach heutigen Arbeitsmarkt-Verhältnissen für etwa 1,4 Millionen Jugendliche keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt, würden die abgewiesenen Abiturienten Tausende von Sonder-, Haupt- und Realschülern aus Berufspositionen verdrängen und die drohende Ausbildungskatastrophe noch verschärfen.

Jetzt kommt es darauf an, wie Schmidts Appell in die Tat umgesetzt wird. Daß der Bundeskanzler sich so stark engagiert hat, ist als ein deutliches Signal und eine nachdrückliche Aufforderung nicht hoch genug zu veranschlagen. Praktische Politik freilich müssen aus diesem Programm jene machen, die dafür verantwortlich und kompetent sind: die Länder, vor allem also die Schul- und Hochschulminister mit Unterstützung der Finanzpolitiker. Denn der Bund hat im Grunde keine Möglichkeit, Macht in den Hochschulen auszuüben; für Kultur und Bildung sind nach der Verfassung die Bundesländer zuständig.

Es ist nicht zu erwarten, daß die von CDU- und CSU-Kabinetten regierten Länder Schmidts bildungspolitische Zielsetzung vorbehaltlos zu ihrem Anliegen machen; deshalb ist es nun vorwiegend an den SPD-FDP-Ländern, die Worte des Kanzlers zu verwirklichen und auf dem Weg zu einem erträglichen Hochschulzugang voranzugehen. Dies um so mehr, als der Bonner Bildungsminister Helmut Rohde die Aufforderung Helmut Schmidts sofort durch ein Sieben-Punkte-Programm zum Eindämmen des Numerus clausus als Angebot an die Länder konkretisiert hat. Rohde will die Universitäten möglichst schnell „durch innere Reformen auf die Studienplatznachfrage der geburtenstarken Jahrgänge vorbereiten“; das wollen auch die Bonner Regierungsparteien.

In dem vom Bundeskanzler geprägten Entwurf für ein Regierungsprogramm der SPD nach dem 3. Oktober heißt es: „Die Hochschulen sollen offen sein. In fast allen Fächern kann und muß der Numerus clausus alsbald ausgesetzt werden. Die Studiengänge müssen neu geordnet werden. Die Studienreform und die Verkürzung der Studiendauer müssen schnell vorankommen.“ Das sind programmatische Forderungen, die auch von den Liberalen seit Jahren immer wieder aufgestellt werden, zum Beispiel schon 1972 in dem Plan einer „offenen“ Hochschule von Hildegard Hamm-Brücher. Ihre Kernthese lautet: Jeder Jugendliche mit Abitur oder einem vergleichbaren Zeugnis „hat das Anrecht, ohne Prüfungsverfahren ein Studium zu beginnen“.