Von Ulrich Schmidt

In der Münchner Telephonseelsorge häufen sich die Anrufe. Es sind 50 Prozent mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Dahinter steht zweifellos die Unsicherheit bei der Suche nach menschlichen Kontakten. Die Großstadteinsamkeit breitet sich aus. Die Menschen verlieren besonders in den dichtbesiedelten Gebieten immer mehr die Fähigkeit, miteinander umzugehen.

Noch vor zweihundert Jahren empfahl Adolf von Knigge den Lesern seines Buches „Über den Umgang mit Menschen“, mit den meisten Menschen lieber keinen Umgang zu pflegen und „in der Vertraulichkeit gegen Fremde nicht zu weit zu gehen“. Heute empfiehlt der für moderne Umgangsformen zuständige „Knigge-Rat“ beinahe das Gegenteil: mehr Hinwendung zum Mitmenschen, mehr Verständnis für ihn, mehr Freiheit in der Bekundung von Sympathie nach dem Vorbild südlicher Länder.

Besonders schlimm dran sind jene Kontaktgestörten, die außer ihrem Telephon keinerlei Brücke zur Umgebung haben und denen ein Anruf zum Hauptereignis des Tages wird, manchmal sogar zu einem Schicksalsanruf. Manche von ihnen können sich nicht einmal mehr dazu aufraffen, das Telephon als Notrufgerät zu benutzen. Mit angstklopfendem Herzen wählen sie die Nummer eines Bekannten oder auch eines Unbekannten. Doch wenn sich der Teilnehmer meldet, bleibt ihnen das Wort im Halse stecken.

„Schweigeanruf“ nennen das die Fachleute. Eine auf den ersten Blick widersinnige Worterfindung. Aber sie trifft genau den verhängnisvollen Widersinn der zivilisatorischen Fehlentwicklung. In ihrer Jahresbilanz meldet die Münchner Telephonseelsorge, daß sich auch die Zahl der Schweigeanrufe verdoppelt hätte.

Das gesellige Miteinanderreden ist den Großstadtmenschen weitgehend abhanden gekommen. Die verschiedensten Ursachen treffen da zusammen: die Kontaktfeindlichkeit der Hochhäuser und der Vorstadtsiedlungen, die Wohn- und die Verkehrsdichte, die sich daraus ergebende Kinder- und Tierfeindlichkeit, der Straßenlärm, der Signalstreß durch Verkehrsampeln und Straßenreklame, die Terminhast und der Leistungsdruck.

So ist der Verkauf von Waren und Dienstleistungen zur Bekämpfung von Kontaktstörungen und Einsamkeitsängsten in kurzer Zeit zu einer Wachstumsbranche von ungeahnten Dimensionen geworden. Der Markt bietet vielerlei und für jeden etwas, von der hausärztlichen Beruhigungspille bis zum Kontakttrainings-Seminar im schicken Berghotel, vom braven Geselligkeitsverein bis zum eleganten „Privat-Club“ für männliche Mauerblümchen mit dicker Brieftasche.