Der Ost-Berliner Metropolen-Ehrgeiz – Zwischen Baukunst und Massenbau

Von Manfred Sack

Er ist der attraktivste, auch der am meisten mit Geschichte getränkte Platz; für die ganze Stadt ist er ziemlich genau der geographische, für den gegenwärtigen Platzhalter der eindeutige politische Mittelpunkt: der Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin. Da die Spree das Terrain hier mit zwei Armen umfließt und daraus eine Insel macht, möchte man an etwas Freundliches denken. Indessen erzittert der Platz wenigstens einmal im Jahr unter waffenstrotzenden Militärparaden. Überhaupt erblickt das Auge weniger Liebliches als Gewaltiges, das, je jünger es ist, desto angestrengter um Erhabenheit bemüht ist. Am Marx-Engels-Platz wirft der Staat sich in die Brust.

Pünktlich zum IX. Parteitag der SED ist an dieser Stelle das Bauwerk, das sich die Partei ausdrücklich zu diesem Datum bestellt hat, fertiggestellt worden: der Palast der Republik, ein monumentaler Riegel von 180 Metern Länge, 90 Metern Breite und 32 Metern Höhe, von Spöttern längst als "Palazzo Prozzi" eingeordnet.

Zu seinem Inhalt gehören der Plenarsaal der höchsten Legislative der DDR, der Volkskammer – das gibt ihm die direkte politische Funktion; sodann ein fast fünftausend Menschen fassender Kongreßsaal, in dem der Parteitag stattfindet – das macht ihn gesellschaftspolitisch unübersehbar. Dann gibt es ein variables Theater, ein Dutzend Gelegenheiten zum Essen, Trinken, Tanzen, Kegeln und nicht zuletzt ein ausladendes marmorgleißendes Foyer mit riesigen roten Kunstledersofas und übermannshohen Gemälden voller sozialistischer Symbolik – das soll den Palast mit seiner Mischung aus Kurzweil und Kultur zu einem gehobenen Boulevard, also öffentlich machen.

Eine Milliarde Mark hat das Prunkstück, das von ungefähr tausend Angestellten in Gang gehalten werden muß, angeblich gekostet Es gibt sich auffallend: das bronzefarbene Thermoglas seiner Fassade und der strahlend weiße Marmor, der sich als Rahmen darumlegt, stilistisch eine Art von Staatsklassizismus, der die Vermutung Albert Speers widerlegt, er sei der letzte Klassizist in Berlin gewesen.

Staat mit Kultur-Girlande