Der allmähliche Rückzug des sowjetischen Parteichefs aus der Tagespolitik wird durch mehr Macht und Autorität kompensiert

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Mai

Um Stalingrad ist es still geworden. Unbekanntere Städte werden in verspäteten Ruhmesglanz getaucht: der Brückenkopf "Kleine Erde", Nowo Rossisk, Tuapse, Krasnodar. Dort vollbrachte der frischgebackene "Marschall der Sowjetunion", Leonid Breschnjew, als Politoffizier der 18. Armee Kriegsleistungen, die über ein Vierteljahrhundert nicht besonders herausgestellt worden waren. Heute macht Breschnjew Geschichte: Seit dem 31. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 9. Mai ist er auf dem besten Wege, als große historische Figur des russischen Imperiums in die Geschichtsbücher einzugehen – solange diese nicht wieder umgeschrieben werden.

Der 69jährige Parteichef ist der einzige Zivilist, der nach dem Kriege zum Marschall befördert worden ist; so unzweideutig wie nie zuvor wird er als Oberster Befehlshaber der Streitkräfte herausgehoben. Damit hat Breschnjew an äußeren Insignien fast so viel erreicht wie Stalin – nicht durch blutigen Terror, sondern durch Kompromisse und Ämterpatronage zugunsten seines Clans.

Die Macht des Marschalls hat die Prinzipien der kollektiven Führung endgültig verdrängt. Diese Prinzipien waren im Oktober 1964 von jenem Plenum des Zentralkomitees beschlossen worden, das Nikita Chruschtschow, den Vorgänger Breschnjews, wegen Personenkultes absetzte.

Merkwürdige Umstände