Von Wim Wenders

Ich bin Filmemacher. Bis vor ungefähr sechs Jahren habe ich Filmkritiken geschrieben, aber damit aufgehört, als ich selber Filme drehen konnte. Beides zu tun schien mir ein Widerspruch zu sein. Zu dieser Zeit, gegen Ende der sechziger Jahre, gab es einen deutschen Film noch viel weniger, als es ihn jetzt gibt. Trotzdem gab es, in den Tageszeitungen und zwei Filmzeitschriften, eine ernsthafte, aufmerksame und wohl auch kompetente Filmkritik. Wenn ich heute etwas erfahren will über einen der wichtigen neueren Regisseure aus Amerika, Robert Altman, muß ich mich in ausländischen Zeitschriften informieren, zum Beispiel in einer der fünf englischen Filmzeitschriften, die es dort gibt, obwohl in England selbst kaum noch Filme gedreht werden. Wenn ich jetzt über einen Film von Robert Altman schreibe, schreiben will, dann nicht zuletz: aus Wut über den Zustand der Filmkritik in der Bundesrepublik, aus Wut über das Klima, in dem über Filme geschrieben wird, aus Wut über das Ansehen, das das Schreiben über Filme überhaupt noch hat.

Denn anders als am Ende der sechziger Jahre werden in der BRD jetzt Filme produziert, die in der ganzen Welt Beachtung finden. Und das sind beileibe keine Einzelphänomene mehr, son dem Filme von einer ganzen Reihe von Leuten, die kontinuierlich produzieren. Aber auf der anderen Seite gibt es keine einzige Filmzeitschrift mehr, die diesen „Neuen Deutschen Film“ kommentierend begleitet wie etwa die „Cahiers du Cinema“ die „Nouvelle Vague“. Null. Es gibt ein paar Enklaven von Filmkritik in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Es gibt die neu entstandenen Programmzeitschriften, wie „Szene“, „Tip“, „Blatt“, „Hobo“, die Ersatzfunktionen ausfüllen für das Fehlen richtiger Filmzeitschriften.

Kino ist mehr als Filmindustrie

Aber diese Reservate von Filmkritik sind auf den Tagesbedarf eingestellt: Sie liefern zumeist Geschmackskritiken, Meinungen über Filme. Hier wird das geschrieben, was die Verleiher zitieren können, aber hier wird kein Bewußtsein von Filmen als Sprache oder Kultur geschaffen. Diese Art von Kritik äußert sich über einzelne Filme, aber sie vergleicht nicht mehr, weder mit der Geschichte des Kinos noch mit dem Zustand des Kinos heute in der Welt oder gar mit dem Zustand der Welt. Indem sie über Film nur als über etwas schreibt, das man anschauen kann, sol. oder auch nicht, verstellt sie den Sinn dafür, daß das Kino etwas mit dem Leben zu tun hat, daß das Kino eine genauere und umfassendere Dokumentation unserer Zeit ist als das Theater, die Musik oder die bildende Kunst, daß das Kino den Menschen schaden kann, indem es sie von ihren Sehnsüchten und Ängsten entfremdet, oder daß das Kino den Menschen nützen kann, indem es ihnen das Leben öffnet und Freiheiten vor Augen führt, kurz: daß das Kino mehr ist als die Industrie, die Filme produziert.

Dabei will ich den wenigen Leuten, die hierzulande überhaupt über Filme schreiben, nicht unrecht tun. Es ist nicht ihre Schuld, daß das Ansehen ihrer Arbeit in einem ganz direkten Verhältnis steht zum Ansehen der Filmkultur selber, und die ist der (filmpolitisch) amerikanischen Kolonie BRD dreißig Jahre lang gründlich ausgetrieben worden, um so schlimmer, als die zwölf Jahre davor schon ein Kehraus ohne Beispiel waren.

Dabei gibt es gerade in den Regionalzeitungen. oft genug Leute mit profunden Kenntnissen und einer großen Liebe für das Kino, aber sie dürfen nicht einmal in den Feuilletons schreiben: Die sind für die Kultur reserviert. Filmkritiken stehen im Lokalteil.