Ich habe auch schon oft mitgekriegt, wie Filmkritiken gekürzt, umgeschrieben oder ganz gestrichen werden, von diesen dummen, aber deshalb um so arroganteren Demagogen, die manche Redaktion beherrschen.

In den überregionalen Wochenjournalen, zumal und auffallend in der letzten Zeit im "Spiegel", macht die Filmkritik, das Schreiben und Nachdenken über Filme, einer Art von Journalismus über Filme Platz, den ich für ganz besonders trostlos halte: Weil er sich selber wichtiger nimmt als seine Objekte, kennt er nur noch den Verriß oder die Euphorie, aber beides von oben herab, nicht aus den Sachen heraus. Charakterlos, stellungslos, nämlich eigentlich auch meinungslos und beliebig profiliert dieser Journalismus keine Gegenstände außer seinem Image. Im "Spiegel" erscheint eine Titelgeschichte über den jungen deutschen Film, "Wunderkinder", ein paar Wochen später erscheint eine ganz andere große Geschichte: das krasse Dementi, "Film: eine Branche ohne Zukunft". Als ob nur etwas hochgejubelt worden wäre, damit man es effektvoll herunterputzen kann. Dem Kino und dem Ansehen des Schreibens über das Kino nützt das nicht. Ich meine damit nicht, daß es mehr Zustimmung geben sollte – im Gegenteil, es ist gerade in den letzten beiden Jahren vielleicht zuviel Akklamatorisches geschrieben worden über neue deutsche Filme, wohl aus politischen Gründen, um das, was da entsteht, nicht zu gefährden. Eine Folge davon ist wohl, daß jetzt jeder zweite Film von den Verleihen als "der große internationale deutsche Film" herausgebracht wird. Es sind falsche Hoffnungen geschürt worden, nein: Hoffnungen sind falsch geschürt worden.

Es wird keine deutschen Filme geben, die den internationalen, vornehmlich amerikanischen Produktionen Gleichwertiges entgegenzusetzen in der Lage wären. Das ist von der Produktionssituation her nicht denkbar. Aber statt dessen könnte es einen spezifisch deutschen, nämlich gerade nicht international verwischten und angepaßten Film geben, der zumindest einen Anteil im deutschen Kino behaupten könnte.

So eine Idee aufrechtzuerhalten, ein Bewußtsein davon durchzusetzen und ein Publikum dafür zu gewinnen, zurückzugewinnen könnte die Aufgabe einer Filmkritik sein. Oder einer Zeitschrift, die es nicht gibt.

Meine Wut ist zu Ende geschrieben. Wenn ich jetzt über einen amerikanischen Film schreibe, widerlege ich damit nicht das gerade Geschriebene. "Nashville" ist keiner dieser Mammutfilme, deren Werbeetats allein größer sind als das Volumen der Filmförderungsanstalt. "Nashville" ist auch nicht einer dieser Filme, die Amerika großspurig in die Welt hinausposaunen. "Nashville" ist ein unabhängig produzierter Film, über Amerika, besessen von Amerika. Nach europäischen Maßstäben ein "Autorenfilm". Kann ich über "Nashville" schreiben, wenn ich nicht weiß, ob er, wenn er in mehr Kinos anlaufen wird als bisher, noch im Original gezeigt werden wird?

"Nashville" ist mit einem revolutionären Tonsystem aufgenommen, mit einem 8-Spur-Gerät, das heißt mit maximal acht Mikrophonen, was es bei der Mischung möglich gemacht hat, selbst Hintergrunddialoge verständlich zu machen und einen kakophonischen Originalton zu erhalten, so komplex, wie das bisher unbekannt war. Man steckt mit den Ohren mitten in einem Getöse von allen Seiten. "Nashville" ist auch ein Film über den Lärm, diesen besonderen amerikanischen Lärm aus Musik und Sprache und Verkehr und Reklame und Radio und Fernsehen. Diesen Film zu synchronisieren, hieße, ihn zur Hälfte auszuradieren. Der Film ist mit Untertiteln sehr gut verständlich, er wäre es sogar ohne diese.

Gefühle, zu Formeln geschrumpft