Was dem in "Nashville" gegenübersteht, sind Linnea und ihre beiden Kinder, die zwar sprechen, aber mit großen Mühen und Fehlern, weil sie sich selber nicht hören können. Auch sie begleiten ihr Sprechen mit Zeichen. Linnea hört und sieht ihnen zu, und wenn sie antwortet, sehen ihr die Kinder zu. Eine tiefe Bewegung geht von diesen Szenen aus. Deutlich ist zu sehen, wie Sprache nur funktionieren kann: mit einer Zuwendung. Zuhören ist hier auch zusehen. Ganz plötzlich wird dabei auch augenscheinlich, daß der Film eine Sprache ist. In der Zeichensprache von Linnea und den Kindern gibt es kein Lügen; um so sichtbarer werden die großen Lügen um sie herum.

Es gibt noch den Chauffeur Norman (David Arkin), den Dreiradmann (Jeff Goldblum), den Soldaten Glenn Kelly (Scott Glenn), den alten Mr. Green (Keenan Wynn), den farbigen Sänger Tom Brown (Timothy Brown), einen Trinker, Wade (Robert Doqui) und das Trio Tom, Bill und Mary (Keith Carradine, Allan Nicholls und Christina Raines). Die BBC-Reporterin Opal (Geraldine Chaplin) führe ich deshalb als letzte auf, weil ich sie nicht mag. Opal irrt durch alle Geschichten. Sie macht eine Reportage über Nashville. Opal ist in Altmans Konzeption wohl als eine Art roter Faden gedacht, und das ist für ihre Rolle fatal: Als einzige ist sie keine lebende Person, sondern ganz und gar künstlich, ausgedacht. Ihre überdrehten Kommentare zu allem, was sie sieht, gehen einem sehr auf die Nerven, zu deutlich ist das als "europäische Sicht von Amerika" gemeint. Altman will hier eine Haltung deklassieren, die alles und jedes zu interpretieren sucht, über alles eine Meinung hat und nichts so lassen kann, wie es ist, sondern immer gleich deutend übertreiben muß, aber das hätte es nicht gebraucht: Sein Film ist selber eine überzeugende Stellungnahme gegen eine solche Haltung.

Opals schlimmster Moment: wenn sie bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn, bei der aber nur viel Blech kaputtgegangen ist, fast in Ohnmacht fällt und in ihr Mikrophon schreit: "I saw legs sticking out. – This is America!" (Ich habe Beine herausragen gesehen. Das ist Amerika!) Wenn Linnea ihr dann unmittelbar darauf von den Kindern erzählt, daß sie taubstumm sind, stellt Opal gleich ihr Tonband ab und wiederholt immer wieder: "How awful!" Aber erst mit ihrem "Mitleid" stellt sie etwas Schreckliches her – nämlich die Rücksichtslosigkeit sondergleichen.

Es ist schwer, mit solch einer Aufzählung verständlich zu machen, selber zu verstehen, welche Leistung es ist, daß Altman alle diese Geschichten gleichzeitig erzählt und daß sie sich dabei doch nicht gegenseitig erschlagen oder verdrängeln. Im Gegenteil: in ihrer Verbindung addieren sie sich zu einer eigenen, ganz neuen Art von Geschichte. Und diese Art, eine Geschichte zu erzählen, befreit alle 24 Figuren von den Zwängen, die sonst die "Story" den Schauspielern auferlegt, in denen die Personen sich nämlich mehr nach der Dramaturgie zu richten haben als nach dem, was in ihnen an Potential steckt, sich selber auszustrahlen, unvermittelt ihre Präsenz "darzustellen". In "Nashville" können das 23 Schauspieler tun: befreit von einer Story-Dramaturgie und damit frei für die Wahrheit von Menschen, gleichzeitig aber mitten in einer umfassenden Geschichte, können sie alle ihre Fähigkeiten ausbreiten, "lebendig" zu sein, obwohl sie natürlich etwas "spielen". Wir können ihnen zusehen, wie sie beschäftigt sind zu leben.

Altman sagt in einem Interview: "We are not telling a story. We are showing." (Wir erzählen nicht eine Geschichte, wir zeigen sie.) Das gibt auch dem Zuschauer neue Möglichkeiten, etwas zu entdecken, zu sehen und zu hören, nicht nur wegen der Fülle von Geschichten. "Nashville" ist ein enzyklopädischer Film über Amerika.

Robert Altman hat zu diesem Film und seinen Figuren eine Einstellung gehabt, die sich vom amerikanischen Kino sehr unterscheidet: nicht die Ausbeutung seiner Figuren, sondern ihr Verständnis war ihm wichtig. So setzt Altman Sueleen Gay bei ihrem unfreiwilligen Striptease nicht einfach dem Gelächter aus, sondern schützt sie gleichzeitig davor, indem er zeigt, wie dieses Gelächter bei der Männerversammlung funktioniert, die um die kleine Bühne herum sitzt und das Mädchen "anfeuert". Er stimmt in dieses geile Gelächter selber nicht ein, respektiert vielmehr Sueleens Nacktheit am Schluß, indem er den Blick auf sie distanziert und in eine Totale zurückspringt. Ein ganz anderes Beispiel habe ich gerade vor ein paar Tagen in Alexander Kluges "Starkem Ferdinand" gesehen, in dem in einer Einstellung auch eine Frau nackt vorkommt, unfreiwillig ebenso, weil Ferdinand ihr die Decke wegzieht. Man sieht ihr an, daß sie sich nicht gern nackt zeigt, daß sie sich ausgesetzt fühlt, aber Kluge fährt mit dem Zoom auch noch auf ihren großen Busen zu. Das ist eine andere Einstellung.

Man könnte "Nashville" zum Genre der Katastrophenfilme zählen: nur daß er von verschütteten Gefühlen und von katastrophalen Beziehungen zwischen Menschen handelt. Aber "Nashville" hat diese Verschüttungen nicht schon selbst so sehr verinnerlicht, daß er sich an ihnen ergötzte, wie zum Beispiel "Das flammende Inferno" oder "Erdbeben" an der Angst ihrer selbstgeschaffenen Figuren. Altman zeigt vielmehr gerade in der Schilderung von Vulgarität, emotionaler Verkommenheit und Hysterie, daß es etwas anderes geben könnte: nämlich eine liebevolle Zuwendung, Aufmerksamkeit und Betroffenheit.