Lust an jeder Erscheinung

Das amerikanische Kino hat da, wie gesagt, eine andere Tradition, die sich eher in einem wesentlich geschäftstüchtigeren Film der letzten Zeit zeigt, "Einer flog über das Kuckucksnest", der damit aufhört, daß ein Indianer davonrennt, sich befreiend, nein: die Formel für Freiheit vortäuschend – davonrennen. Auch sein Regisseur Milos Forman macht sich mit ihm aus dem Staub, weil er in der "Irrenanstalt" sowieso nichts anderes vorhatte, als ein paar Witze zu machen.

Altman hat in "Nashville" keine Witze gemacht, auch wenn der Film oft sehr komisch ist. Er kehrt auch nicht seinen Figuren den Rücken zu, das überläßt er Walker, dem Präsidentschaftskandidaten, der kurz vor Beginn seines Auftritts im Parthenon (Nashville ist das "Athen des Südens") entsetzt Reißaus nimmt, ohne daß wir ihn richtig zu Gesicht bekommen hätten.

Was ist geschehen? Alle 24 Personen hatten sich hier zusammengefunden, Musik, Showbusiness und Politik waren eins geworden, eine große Menschenmenge wartete auf den Kandidaten, da fielen Schüsse. Kenny mit der Nickelbrille, der bisher nur stumm herumgewandert war, hatte aus seinem Geigenkoffer eine Pistole gezogen und auf Barbara Jean geschossen. Auf dem Podium gibt es ein furchtbares Gedränge. Haven Hamilton schreit: "This ain’t Dallas, this is Nashville. O.k., everybody, sing! Come on, sing!" Und Albuquerque tritt vor, nimmt das Mikrophon vom Boden auf und fängt an zu singen, ein Lied, das schon den ganzen Film über im Hintergrund vorgekommen ist, auf Toms Tonband. Albuquerques Stimme wird immer lauter und kräftiger und selbstbewußter, immer mehr Leute stimmen in den Refrain ein, auf der Bühne der Gospel-Chor, die Menge vor dem Parthenon. Altman steht mitten unter ihnen. "You may say that I ain’t free / But it don’t worry me. / It don’t worry me, / It don’t worry me, / They teil us, we ain’t free, / But it don’t worry me." (Sie sagen uns, wir sind nicht frei, / mir ist das einerlei.)

Die Kamera schwenkt in den Himmel. Abblende. Titel. Die Musik geht weiter. Wie immer und überall geht der Vorhang zu, obwohl die Titel noch laufen. Draußen erinnere ich mich an jene euphorischen Zustände, damals, nach Verlassen eines Films von Godard. Auch heute bin ich offen geworden und voller Lust an jeder Erscheinung.

(Die Musik aus "Nashville" gibt es als Platte, mitdem Titel des Films, 27 300 XOT bei Ariola.)