Von Jürgen Dahl

Dem Neandertaler ist viel Unrecht geschehen, seit vor fast genau 120 Jahren in Neandertal bei Düsseldorf zum erstenmal die Reste dieser frühen Menschenart gefunden wurden. Zwar erkannte der Gymnasialprofessor Fuhlrott gleich, daß man es hier mit einem außergewöhnlich alten Zeugen der Menschheitsentwicklung zu tun hatte, aber der berühmte und als Autorität anerkannte Rudolf Virchow erklärte, es handele sich um die Knochen eines neuzeitlichen Menschen, der in seiner Jugend an Rachitis und im Alter an Arthritis gelitten habe. Virchows Fehlurteil regte andere Anatomen zu ähnlichen Deutungen an. Der Bonner Professor Mayer tippte auf einen mongolischen Kosaken aus dem russischen Armeekorps von 1814, ein anderer auf einen nach Europa verschlagenen "rohen Wilden", ein dritter auf einen Schwachsinnigen mit angeborener Schädelmißbildung. Erst ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung, 1901, wagte der Straßburger Anatom Schwalbe – mit Erfolg – gegen diese Deutungen aufzumucken und erklärte den Neandertaler zum Homo primigenius, zum Ur-Menschen – was nun wiederum nicht stimmte, denn die Entwicklungslinie des Neandertalers hat sich schon sehr früh von der Linie abgezweigt, die zum heutigen Homo sapiens führte, und sie endete vor etwa 50 000 Jahren mit dem Aussterben des Neandertalers.

Inzwischen sind zu dem ersten Fund zweihundert weitere in Europa und Asien gekommen – aber die gängige Vorstellung vom Neandertaler ist immer noch ungerecht: das Bild eines äffischen Wesens, das mit krummen Beinen und vorgestrecktem Kopf durchs Savannengras watschelt, ohne Sinn fürs Feinere und Höhere – weshalb das Wort "Neandertaler" denn auch gelegentlich als Schimpfwort Verwendung findet.

Natürlich ist es schwierig, allein aus – noch dazu fragmentarischen – Knochenfunden Erkenntnisse über Wesen und Denken des Neandertalers abzuleiten. Aber schon der Umstand, daß viele dieser Funde Grabfunde sind, läßt Schlußfolgerungen zu: Wer die Gebeine der Toten sorgfältig in Höhlen zur Ruhe bettet, ist jedenfalls kein schwachsinniger und fühlloser Tiermensch". Als man vor fünfzehn Jahren in der Shanidar-Höhle im Norden des Irak zum erstenmal auch eine große Anzahl von Blütenstaubkörnern rund um die Skelettreste fand, tauchte die Vermutung auf, daß die Neandertaler, die in diesen Höhlen vor mehr als 50 000 Jahren ihre Toten bestatteten, Blumen dazugelegt hatten.

Die Ausgräber mußten damals, eines Staudammes wegen, sehr eilig arbeiten. Inzwischen hat die französische Prähistorikerin Arlette Leroi-Gourhan die Bodenproben systematisch durchmustert, und dabei entdeckte sie etwas, was sie vorher noch nicht bemerkt hatte:

Drei der Proben unterschieden sich von den anderen in einem wichtigen Punkt. Während in allen anderen Proben die Blütenstaubkörner einzeln lagen und ziemlich gleichmäßig verstreut waren, enthielten die drei Proben Klumpen von Pollenkörnern, und innerhalb der Klumpen entsprach die Lage der Körner genau der Gestalt der Staubgefäße – das heißt: Hier hatten einst Blüten gelegen, die bis auf die außerordentlich robusten Pollenkörner zerfallen waren. Mehr noch: Von den fast dreißig Pflanzenarten, deren Pollen in den Böden der Gräber vorkamen, waren es nur sieben, die in dieser Form zu finden waren, davon jeweils zwei oder drei eng benachbart – woraus zu schließen ist, daß hier vor 50 000 Jahren Sträuße aus zwei oder drei Pflanzenarten zusammengelegt worden waren.

Aus den Aufzeichnungen über die genauen Fundpunkte der drei Bodenproben ließ sich rekonstruieren, daß der Tote auf einem Bett aus solchen Sträußen bestattet wurde und daß darunter wahrscheinlich noch eine Schicht aus Zweigen von Eichen, Fichten und Wacholder lag. Auch von den Farben des Blumenbettes kann man sich ein gutes Bild machen: Am häufigsten vertreten waren gelbblühende Kreuzkrautarten, eine blaue Flockenblume (unserer Kornblume ähnlich), weiße Schafgarbe und die blaue Traubenhyazinthe, das Ganze durchsetzt von den biegsamen, ginsterähnlichen Zweigen des Ephedra-Strauches – ein sorgfältig bereitetes Totenlager also, offenbar mit Schönheitssinn zusammengestellt. Daraus kann man nicht (wie in anderen Fällen aus bestimmten Grabbeigaben) auf irgendeine Vorstellung vom Weiterleben nach dem Tode schließen, wohl aber auf eine sehr bewußte gefühlsmäßige Hinwendung zu dem Toten und auf das Vermögen, diesem Gefühl durch ästhetische Ausschmückung Ausdruck zu verleihen.

Ein Rätsel bleibt: In der obersten Schicht fanden sich unverhältnismäßig viele Pollenkörner von Malven, aber alle nur einzeln und nicht in Staubgefäßform zusammengeballt. Für die große Menge losen Malven-Blütenstaubs gibt es, wie Arlette Leroi konstatiert, noch keine Erklärung. Es ist aber eigentlich nur eine Weise denkbar, auf die sich Blütenstaub gleichmäßig über das Totenbett verstreuen ließe: man schwingt oder schüttelt blühende Malven über den Toten. Vielleicht war dies eine Geste der Beschwörung oder des Abschieds. Dies – und das Blumenbett auf einem Untergrund aus Zweigen – paßt nun nicht mehr zum Bild einer kleinverständigen äffischen Kreatur, sondern eher zu einem Menschenwesen, das mit einem Bewußtsein von Schönheit lebte und es in Taten umzusetzen verstand – in einer Höhle oben in den irakischen Bergen, vor 50 000 Jahren – ein Wesen aber, das sich über diesen Punkt nicht mehr hinausentwickelte, sondern bald danach für immer aus der Geschichte der Menschheit verschwand: Frühe Blumenkinder in einer Sackgasse der Entwicklung...