Eine lange Liebe verbindet Ursula von Kardorff mit Paris, aber eines Tages sah es so aus, als wollte das Verhältnis sich trüben. Das war, als 1974 ihr Buch "Adieu Paris" (verlegt bei Kindler, München) in den Auslagen auftauchte. Ihr gefiel die aus Amerika entliehene und schlecht adaptierte Gegenwarts-Architektur nicht: die Hochhäuser, die Wohntürme, die Beton- und Glaskästen. Sie war so entsetzt, daß sie nur noch ein "Lebwohl" stammeln konnte.

Das war verständlich, jedoch bedauerlich, denn es geht nicht an, auf ein positives Buch einen negativen Titel zu setzen. Abschiedsworte im Munde der Autorin kränken Leser, die gerne "Bonjour, Paris" sagen möchten. In Wirklichkeit hat Ursula von Kardorff sich von ihrem Schrecken bald auch wieder erholt und hinter den neuen Fassaden ihr altes, geliebtes Paris wiedergefunden, wobei die sowohl mit klaren als auch romantischen Augen gesegnete Photographin Helga Sittl ihr auf unübertreffliche Weise half.

Haben die beiden 1974 mit dem erwähnten Buchtitel eine – läßliche, also leicht verzeihliche Sünde begangen –, so haben sie die Schuld 1976 wieder gutgemacht. Im Rahmen der Serie "Richtig reisen" des DuMont Schauberg-Verlages, Köln, lautet der Titel ganz einfach "Paris", wie es in dieser Reihe mit verschiedenen Autoren schon "London" und "Amsterdam" und "San Francisco" und "Istanbul" hieß. Das neue Paiis-Buch jedenfalls ist rundum gelungen.

Daß es im Anhang und fein abgehoben auf gelbem Papier eine Menge praktischer Hinweise für den Umgang mit dieser Stadt bietet, ist sogar für einen Leser nützlich, der in Paris wohnt. Um so besser sieht er auf den ersten Blick, ob auchder Tourist gut bedient ist oder nicht. Er ist es.

Beim Durchblättern sieht man, daß es zweimal einige Seiten Farbbilder gibt. Unter ihrer Wirkung hat man das Gefühl, auch auf den Schwarzweißseiten lebendig erlebte Szenen zu sehen: leuchtend, farbig, einprägsam. Gewiß hat Helga Sittl die Kunst, Paris zu photographieren, den französischen Bildkünstlern abgeguckt. Aber daß sie in diesem unausgeschriebenen Wettkampf ehrenhaft und auch mit eigenem Prädikat besteht, war für mich eine so verblüffende Feststellung, daß ich aufmerksam und vergnügt alle Bilder noch einmal betrachtet habe, glücklich, daß es Deutsche gibt, die Paris so frisch, so verständnisvoll zu sehen wissen, ja, mir, dem Betrachter, freundliche Winke geben, wie auch ich die Stadt zu seien hätte. Wie dem auch sei: Die Linse, die Helga Sittl ihrem Apparat in Paris aufgesetzt hat, sollte sie in acht nehmen und für die ganz guten Gelegenheiten aufheben, sie hat etwas Geniales, diese Linse.

Nun muß man allerdings auch zugeben, daß das, was im modernen Journalismus mit Ausdrücken wie "Umbruch" und "Aufmachung" und "Layout" gestraft ist, in diesem Buch – und hoffentlich allen Büchern dieser Reihe – ganz vorzüglich gelungen ist. Das Buch faßt sich sozusagen gut an – auch außerhalb von Paris. Es ist unfeierlich, lustig, in der jeweils richtigen Dosis verliebt, andachtsvoll und respektlos, und dies in Text und Bild. Außerdem läßt es sich zu Spaziergängen in Paris benutzen, von denen die Autorin ihrer vier an der Zahl vorschlägt, wobei es ihr allerdings passiert, daß sie gelegentlich etwas eilig vorangeht, ich meine: stilistisch. So wenn sie – "Zweiter Spaziergang" – schreibt, daß es an der Madeleine die "Kaspia" gebe: "ein elitäres Restaurant, wo der Gast, an der Bar sitzend, zu jeder Tageszeit sein Häuflein Kaviar plus Wodka zu sich nehmen kann, ohne dabei pleite zu gehen." Nein, Touristen, hört nicht auf sie! Hier irrt die sonst so beschlagene Ursula von Kardorff, wie bekanntlich schon Goethe gelegentlich irrte: Kaviar und Wodka hat schon manchen ruiniert, im neuen Paris so gut wie im alten Petersburg. Gleichgültig, wer hier als pleitensicher hingestellt wird, der Gast oder der Wirt, glaubt es nicht! Er oder ich – einer von uns beiden – würde pleite gehen: sei es, daß er den Kaviar zu billig serviert oder daß ich zuviel verzehre.

Die Autorin, die das Gegenteil garantiert, sie versteht von Gastwirtschaft allerlei, doch von Wirtschaft nichts, worin sie sich auskennt, ist ihre geradezu pariserische (wenn nicht berlinische Kunst, beim Anblick von etwas Sehenswertem, sei es ein Haus, eine Straße, ein Park, in trockener, pointierter Kürze zum Rat "Seht euch das an!" eine ästhetische, vor allem auch historische Erklärung hinzuzufügen. Und daran haben dann nicht nur die Anfänger, sondern auch die Paris-Experten Spaß. Merci, Madame!

Josef Müller-Marein