Fünf Tage nach Abgabe einer Rücktrittserklärung hat sich der finnische Ministerpräsident Miettunen am Dienstag dieser Woche bereit erklärt, weiter zu regieren. Doch die nächsten Zerreißproben der Volksfront-Koalition in Helsinki sind abzusehen.

Noch bevor im finnischen Rundfunk am Dienstagnachmittag das Weiterbestehen des Kabinetts Miettunen verkündet wurde, erklärte Staatspräsident Kekkonen gegenüber einer Gruppe deutscher Journalisten: „Alle fünf Regierungsparteien haben meinen Vermittlungsvorschlag angenommen.“ Der Vorschlag war in eine Frage gekleidet, die der Präsident Ende der vergangenen Woche an die Führer der Sozialdemokraten, des Zentrums, der Kommunisten und zweier kleiner liberaler Parteien gerichtet hatte. Sie lautete: „Sehen Sie die Möglichkeit, die Regierung fortzusetzen, auch wenn die Kommunisten gegen die Umsatzsteuererhöhung stimmen?“

Die meisten Koalitionsparteien antworteten nur mit Zögern zustimmend. Vor allem die Sozialdemokraten taten sich schwer, das von Präsident Kekkonen verlangte Ja-Wort zu geben. Sie befürchteten, daß das Veto-Recit bei der Erhöhung der Umsatzsteuer vom kommunistischen Koalitionspartner nun als Freibrief dafür verstanden wird, die Regierungsarbeit auch in Zukunft zu blockieren.

Die Volksfront, die erst im vergangenen Dezember auf Drängen Kekkonens gebildet worden war, hüte in den vergangenen Monaten immer wieder unter der Widerborstigkeit der KP zu leiden. Die Partei ist gespaltet. Der radikale Flügel der Kommunisten hat wiederholt gegen Vorlagen der Regierung gestimmt. Er war es auch, der mit seinem Nein zur Erhöhung der Umsatzsteuer um zwei Prozent die Regierungskrise auslöste.

Mit der Bereitschaft der fünf Parteien, die Koalition weiterzufüiren, ist der Bestand der Regierung zumindest formell bis auf weiteres gesichert. Zu durchgreifenden Aktionen wird de in sich zerrissene Volksfront aber kaum fähig sein. Dabei verlangt die finnische Situation nach einer starken Hand Die hohen Defizite im Haushalt und im Außenhandel lasten drückend auf den Staatsfinanzen, die Arbeitslosigkeitsquote wuchs auf rund fünf Prozent, der Lohn- und Preisstopp lähmt die Wirtschaft.

Über das Motiv Kekkonens, die Volksfront-Koalition unter diesen Umständen auf jeden Fall zu erhalten, läßt sich nur spekulieren. Es spricht vieles dafür, daß der finnische Präsident damit dem sowjetischen Nachbarn damit entgegenkommen wollte, der die innenpolitischen Entwicklungen in Finnland seit jeher mit großem Mißtrauen beobachtet.

Viele Finnen erhoffen nun von der Regierung ein umfassendes und wirkungsvolles Programm zur Überwindung der wirtschaftlichen Nöte des Landes. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dieses 58. Kabinett seit der finnischen Unabhängigkeitserklärung von 1917 dazu den Willen und den langen Atem hat. Selbst Präsident Kekkonen betrachtet die Zukunftsaussichten der von ihm durch massiven Druck geretteten Volksfront skeptisch: „Eine Dauerlösung? Das ist eine andere Frage.“ Dieter Buhl (z. Z. Helsinki)