Von Kurt Sontheimer

Drei Professoren an pädagogischen Hochschulen, ein Pädagoge und zwei Soziologen, haben sich im sie herausfordernden Klima der sogenannten Tendenzwende zusammengetan, um noch einmal ein Lehrbuch der Sozialkunde zu schreiben, das sich als eine "von den Interessen der Jugendlichen ausgehende (woher wissen sie, welches sie sind?) ... kritische und engagierte Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Bundesrepublik" ausgibt:

Hermann Giesecke, Arno Klönne, Dieter Otten: "Gesellschaft und Politik in der Bundesrepublik. Eine Sozialkunde"; Fischer-Taschenbuch Nr.6271, Frankfurt 1976; 335 S., 7,80 DM.

Während die publizistische Öffentlichkeit neuerdings aufzuhellen versucht, was mit der noch vor kurzem so unruhigen deutschen Jugend inzwischen vor sich gegangen ist, will diese "engagierte" Darstellung ihre jungen Leser wieder beim Schopfe packen, ihnen ein kritisches, das heißt hier: linkes Bewußtsein über unsere sozialen und politischen Verhältnisse vermitteln und sie mit diesem Wissen besser instand setzen, ihre künftigen Aufgaben in Staat und Gesellschaft verantwortlich wahrzunehmen.

Man sollte bewußt einseitig geschriebene Bücher nach all den Debatten, die wir über die diversen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftskunde hinter uns gebracht haben, nicht länger als eine "Sozialkunde" ausgeben. Ein Lehrer, der seinem Auftrag gerecht werden will, die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Landes seinen Schülern vor dem Hintergrund eines Spektrums verschiedener Konzeptionen und Meinungen zu verdeutlichen, kann sich auf dieses Buch allein nicht stützen. Es ist entweder bewußt parteilich, oder auf eine ärgerliche Weise unverbindlich, indem es kritisiert, ohne zu reflektieren.

Dies gilt zwar nicht für alle Kapitel, insbesondere nicht für den freilich kurzen Beitrag Hermann Gieseckes (warum machte er hier bloß mit?) über Sozialisation; aber weite Strecken des Buches, insbesondere die umfangreichen Stücke, die Dieter Otten zu verantworten hat, sind nichts anderes als die Umsetzung kruder politökonomischer Theorien auf vermeintliches Schulbuchniveau. Allein schon die verwendeten Materialien, Zitate und Umfragen sind höchst einseitig ausgesucht; auf die Angabe von Quellen wurde meist verzichtet. Die vorgetragenen Meinungen sind wissenschaftlich oft höchst umstritten, werden aber in einer Weise präsentiert, als handele es sich um gesicherte Erkenntnisse.

Bereits die Überschriften offenbaren die Tendenz dieser "Sozialkunde". Der zweite Teil, der die Wirtschaft der Bundesrepublik zum Gegenstand hat, ist überschrieben: "Vom Wirtschaftswunder zum täglichen Kapitalismus". Er enthält als erstes ein Kapitel über "Jugendarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise", sowie ein weiteres mit der Überschrift: "Der lange Marsch in die Krise", das die Wirtschaftsgeschichte seit 1945 behandelt. Auch der dritte Teil über "Die arbeitenden Klassen in der Bundesrepublik" ist eine marxistisch inspirierte Interpretation der Bundesrepublik als einer Klassengesellschaft, in der Klassenkämpfe zum politischen Alltag gehören. Mag Herr Otten seine Theorien für noch so richtig und unwiderlegbar halten – als Beitrag zu einer "Sozialkunde" sollte er sie nicht verkaufen.