ZDF, Samstag, 22. Mai: Fußball-Länderspiel Bundesrepublik Deutschland gegen Spanien

Die bösesten Vorahnungen erfüllten sich nicht: Sportreporter Werner Schneider, früher für jede Peinlichkeit gut, hat aus seinen Fehlern gelernt. Allen sprachkünstlerischen und sportphilosophischen Ambitionen entsagend, tat er beim Fußballspiel der Deutschen gegen die Spanier bieder seine Pflicht: nannte die Spieler beim Namen und beschränkte seine Reflexionen auf das Allernötigste. Als die Deutschen das erste Tor geschossen hatten, meinte er, nun müßten die Spanier wohl aus ihrer Defensive herauskommen (eine naheliegende, gleichwohl scharfsinnige Analyse der Situation); als in der zweiten Halbzeit der große Regen kam, wies er zu Recht darauf hin, daß nun der Rasen wohl glitschig geworden sei. Ansonsten aber: keine überflüssige Gedankenarbeit, sondern karge Information. Solides, trübes Mittelmaß, von nur wenigen komischen Lichtern illuminiert: ein Foul fand Schneider "abpfeifungswürdig", und dem als Mittelstürmer tätigen Lauterer Klaus Toppmöller bescheinigte er "ein geradezu sensationelles Debüt" – als Toppmöller die geradezu sensationelle Leistung gelungen war, aus etwa fünf Metern ins leere Tor zu treffen.

Schneider, dessen Darbietungen oft genug noch elender waren als das durchschnittliche Elend deutscher Fußball-Fernseh-Berichterstattung, hatte einen guten (was bedeutet: erträglichen) Tag. Daß aus der ZDF-Übertragung des "großen Spiels" dennoch eine Peinlichkeit wurde, hatte einen anderen Grund: Die Fernsehleute hatten sich zum Fußball ein Rahmenprogramm ausgedacht, eine Art Miniatur-Talkshow, zehn Minuten vor Beginn und fünf Minuten in der Pause. Befragt wurden da, in rasendem Tempo, aber dennoch mit aller gebotenen Devotion, Prominente verschiedenster Art: die Bundesminister Maihofer und Vogel, die sich (es ist ja Wahljahr) betont leutselig gaben und immer wieder "wir" und "unsere Mannschaft" sagten; der wirklich nur schwer erträgliche Dettmar Cramer, der nichts sagte, dies aber perfekt artikulierend; der rührende Fritz Walter, die nette Susi Hoeneß ("Ich freue mich für meinen Mann"), der sympathische Jürgen Grabowski ("Es juckt mir in den Füßen"). Sie alle sagten so etwas wie "... haben Vertrauen zu unserer Mannschaft" oder "ein schweres Spiel, aber wir werden gewinnen". Sie alle zeigten beim Versuch, über Fußball sachverständig zu reden, die Unmöglichkeit, über Fußball zu reden.

Zweierlei zeigte sich bei diesen Interviews: daß unser Fernsehen auch deshalb eine Schule der Nation ist, weil es, bei seinen immer neuen Verbeugungen vor der Majestät Prominenz, immer groteskere Formen der Servilität vorführt. (Ein Kapitel für sich: die Zwischenschnitte auf die "Ehrentribüne", bei denen so wichtige Figuren der Zeitgeschichte wie Robert Lembke und Martin Lauer andächtig vorgestellt wurden.) Die zweite Lehre: Fußball ist ein optisches Vergnügen (oder Mißvergnügen), eines, das man nicht totschwätzen sollte. Also, bitte: keine "Experten"-Gespräche mehr! Es sei denn mit Sepp Herberger, dem großen alten Fußballweisen, der einst das Reden über Fußball auf die Höhen der Philosophie geführt hat. Wenn Herberger noch einmal sagen würde "Der nächste Gegner ist der schwerste" oder "Das Leder ist rund": wir alle wären gerührt und sehr glücklich.

Benjamin Henrichs