Warum die Allianz außerhalb Europas nicht handlungsfähig ist

Von Lothar Ruehl

Oslo, im Mai

Die atlantischen Verbündeten hätten die militärischen Machtmittel gehabt, um in Angola einzugreifen, sagte in Oslo nach der Tagung des Atlantikrats Außenminister Henry Kissingen „Aber wir waren uns in den Vereinigten Staaten und in der Allianz darüber nicht einig,“

Kissingers Warnung, daß ein zweites Angola nicht passieren dürfe, war keineswegs Ausdruckeines neuen strategischen Konzeptes für die Allianz. Die Frage, was die Nato-Partner tun sollen und praktisch unternehmen könnten, falls das Beispiel der russisch-kubanischen Intervention in Afrika Schule machen sollte, blieb auch in Oslo wieder ohne Antwort. Immerhin haben die Außenminister das Risiko erkannt, das Veränderungen der Machtverhältnisse außerhalb des Schutzbereichs, den die Verbündeten mit dem südlichen Wendekreis des Krebses abgegrenzt haben, auch für ihre eigene Sicherheit mit sich bringen können. Es ist kein Geheimnis mehr, daß die Sowjetunion ihre wachsende militärische Macht zu nutzen versucht, um ihren Einfluß auszudehnen.

Schon 1957, nach dem politischen Debakel des anglo-französischen Suez-Krieges gegen Ägypten, in dem die Sowjetunion den beiden westeuropäischen Mächten mit Raketen gedroht hatte, forderte Frankreich, den Schutzbereich des Bündnisses auf den Nahen Osten und Nordafrika, also die gesamte Gegenküste des Mittelmeeres, auszuweiten. Doch der amerikanische Außenminister Dulles lehnte ab; Die USA hätten mehr als 40 verschiedene Verbündete in der Welt, und jedes Bündnis müsse seinem eigenen Zweck dienen. Eine globale Verantwortung der Nato für die internationale Sicherheit des Westens wäre deshalb weder nötig noch zweckmäßig.

General de Gaulle kam auf die Forderung zurück: Im September 1958 verlangte er in persönlichen Botschaften an Präsident Eisenhower und den britischen Premierminister MacMillan sogar eine globale Allianzstrategie der drei Westmächte mit einem Direktorium über die Nato. Die Regierungen in Washington und London versagten sich. Auch die kanadischen und skandinavischen Verbündeten lehnten es ab, über die Paktgrenzen von 1949 hinaus, Verantwortung zu übernehmen. Sie vermuteten hinter dem französischen Plan einen Versuch, die französische Kolonialherrschaft in Afrika mit Hilfe des atlantischen Bündnisses zu festigen.