Von Ulrich Schiller

Washington, im Mai

Wie beim Schah von Persien sei es gewesen, schwelgten die Chronisten. Das Staatsbankett, das der französische Präsident Giscard d’Estaing in der vergangenen Woche zu Ehren des amerikanischen Präsidenten gab, war ein Ereignis der Superlative. Ein eigens hinter der französischen Botschaft errichtetes Zelt war mit rotem Brokat und Gobelins drapiert, die Decke mit rosa Seide ausgespannt worden. Die speziell für diesen Anlaß angefertigte, mit roten und blauen Ornamenten versehene Tischwäsche harmonierte auf das trefflichste mit dem blauweiß-roten Tafelgeschirr. Der Chefkoch, die Weine – alles war aus Paris herbeigeschafft worden.

Wenn die Gedanken des amerikanischen Präsidenten Ford trotzdem weniger auf Frankreich als auf den Bundesstaat Michigan gerichtet waren, so lag das daran, daß dort gerade die Stimmen einer entscheidenden Vorwahl ausgezählt wurden. Der französische Präsident erlebte an diesem Abend, daß Amerika im Augenblick hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist.

Um so erstaunlicher ist der Erfolg, mit dem der Gast aus Frankreich die Aufmerksamkeit der amerikanischen Öffentlichkeit auf sich und sein Land zu ziehen verstand. Giscards freundliche und wohlgesetzte Gesten, seine Sorgfalt in der Wahl der Geschenke, sein Charme, Witz und die Wärme seiner Reden wurden selbst von der Washington Post gerühmt, die zu Beginn der Staatsvisite Frankreich als unsicheren Bündnispartner abgekanzelt hatte.

Dreimal waren die beiden Präsidenten zusammengetroffen. Ans Mark der Dinge seien ihre Gespräche allerdings nicht gegangen, beeilte sich ein hoher französischer Diplomat dem Vertreter der Europäischen Gemeinschaft in Washington sofort zu versichern. Warum war der Giscard-Besuch dennoch ein derartiges Ereignis? Merkwürdigerweise erinnerte sich niemand daran, daß erst zwei Jahre vergangen sind, seit der damalige französische Außenminister Jobert in aller Öffentlichkeit gegen das amerikanische Hegemonie-Streben zu Felde zog. Das war nach der Ölkrise, als Henry Kissinger auf einer Energiekonferenz die Ölverbraucherländer in eine gemeinsame Abwehrfront bringen wollte. Als Antipoden standen sich damals Frankreich und Amerika gegenüber. Heute ist das anders. "Es gibt Probleme, aber keinen Antagonismus", sagte Giscard im Fernsehen. So war es auch der Hauptzweck seiner Amerikareise, das Image Frankreichs bei den Amerikanern zu verändern.

Umfragen hatten erst kürzlich ergeben, daß die meisten Amerikaner die Franzosen weder sympathisch, noch zuverlässig oder bündnistreu finden. Dem versuchte Giscard das Bild eines neuen Frankreichs entgegenzusetzen, das industriell und technisch stark, politisch selbstbewußt und doch vertrauenswürdig ist. Im Kongreß erntete er stürmischen Beifall, als er auf englisch erklärte: "Sie fürchten die Freiheit nicht für sich selbst, fürchten Sie sie dann auch nicht für Ihre Freunde und Verbündeten. Eine unabhängige, organisierte und blühende Europäische Gemeinschaft ist für die Vereinigten Staaten der beste Partner."