Bonner Sekretärin hatte Einsicht in Akten der höchsten Geheimhaltungsstufe

Von Eduard Neumaier

Bonn, im Mai

Wäre Erregung ein Gradmesser für die Schwere eines Spionagefalles – der Fall der fröhlich-prallen Agentin Helge Berger könnte sofort zu den Akten gelegt werden. In jener Kunst der dramatischen, zur Schau gestellten Empörung, wie sie noch in den April- und Maitagen des Jahres 1974 meisterhaft dargeboten wurde, als Günter Guillaume, Referent des damaligen Kanzlers Willy Brandt, enttarnt wurde, mochte sich diesmal niemand in Bonn üben. Schadenfreude darüber, daß mit Heinrich Böx, dem 70 Jahre alten außenpolitischen Berater der Union, endlich ein namhafter CDU-Mann im Dunstkreis eines Agentenfalles ausgemacht worden ist, äußerte nur der Politisch-Parlamentarische Pressedienst der Sozialdemokratie. Schließlich reduzierte sich das Interesse alsbald auf die Neugier an den Enthüllungen über die privaten Beziehungen zwischen Helge Berger und Heinrich Böx.

Denn das eint mittlerweile die politischen Lager Bonns: Als Objekt der Ausforschung durch den Staatssicherheitsdienst der DDR fühlen sich inzwischen alle Parteien. In letzter Zeit waren vor allem SPD, CDU und Gewerkschaften betroffen. Daß die zurückhaltende Bewertung klug war, stellte sich bereits zwei Tage nach der Affäre Berger/Böx heraus. Da war bekannt, daß beim Bundes-Nachriditen-Dienst (BND) der Leiter der Abteilung III, Auswertung, unter dem Verdacht der Agententätigkeit stand. Jürgen von Alten, Jahrgang 1923, wurde vom Dienst suspendiert, und ein Sozialdemokrat seufzte erleichtert: „Zum Glück hat er seine Mitgliedschaft in der SPD schon lange einschlafen lassen“.

Ein Abgrund von Landesverrat tat sich auf, zumal mißverständliche Aussagen der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe von weiteren Ermittlungen sprachen und, („Bild war dabei?“), von Alten ebenfalls als Intimfreund der Helge Berger genannt wurde. Doch auf dem Boden des Abgrundes tummelte sich keineswegs ein Kränzchen miteinander verstrickter Personen. Im Gegenteil: Sollte sich der Verdacht gegen den seit März flüchtigen Maler Klaus Wohl er bewahrheiten, dann umfassen die beiden Bonner Skandale nur zwei Personen: Helge Berger, 35 Jahre, lebensfroh, hilfsbereit, Sekretärin in der Beletage des Auswärtigen Amtes, und eben Klaus Wöhler, mutmaßlicher Führungsöffizier der Berger.

Guillaume übertroffen?