Von Hans Krieger

Flüchten oder standhalten – standhalten wovor, flüchten wohin? Standhalten vor dem übergroßen Anspruch wankender Hoffnungen, flüchten in die Angst vor der Angst? Die Frage, die der Gießener Psychoanalytiker mit dem Titel seines neuen Buches stellt –

Horst Eberhard Richter: „Flüchten oder Standhalten“; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1976; 315 S., 19,80 DM

trifft das sozialpsychologische Zeitklima im Kern. Die emanzipatorische Euphorie wich lähmender Resignation und Einschüchterung; geblieben sind Fragen, und die sind so leicht offenbar doch nicht wieder zum Verstummen zu bringen. Daß sich Richters Buch, alles in allem eine eher etwas spröde Lektüre, seit Wochen auf den Bestsellerlisten ganz obenan behauptet – vor der scheinbar zeitgemäßeren „Kunst ein Egoist zu sein“ –, ist allein schon ein Argument fürs Standhalten.

Ein stärkeres ist das Buch selbst und der Mann, der es schrieb. Das „spezielle Thema“, so erst ganz kurz vor dem Schluß genannt, ist, „wie man den Mut aufbringen kann, seine Überzeugungen bis zum äußersten noch erträglichen Maß des Spielraums praktisch umzusetzen, den die jeweiligen sozialen Umstände zulassen“. Richter fügt hinzu: „Bei mir persönlich ist das Schreiben in diesem Fall zweifellos ein Weg unter anderen, gegen die persönliche Feigheit anzukämpfen.“ Wer so über die Versuchung zur Feigheit sprechen kann, zeigt ziemlich viel Mut.

Kunststück, mag man sagen; Hochschulprofessoren gehören nun mal, was die Spielräume angeht, zu den Privilegierten. Hätte Richter sich freilich in der Rolle der anerkannten Fachautorität für Familienpsychologie behaglich eingerichtet, so hätte er dieses Buch vermutlich so wenig geschrieben wie schon zwei andere zuvor („Die Gruppe“, „Lernziel Solidarität“). Vor einigen Jahren schloß er sich – nicht als fachmännisches Über-Ich, sondern als schlichtes Mitglied – einer Initiativgruppe an, die Sozialarbeit in einem Randgruppen-Getto betreibt. Selbst wenn er es nicht ausdrücklich sagte, ahnte man, daß hier das Kraftzentrum seiner theoretischen Fruchtbarkeit und seiner publizistischen Beharrlichkeit liegt: „Die Veränderung meiner sozialen Rolle, vor allem aber das belebende offene Klima der Spontangruppen-Arbeit legten in mir psychische Möglichkeiten frei, an die ich gar nicht mehr geglaubt hatte.“

Seine Psychoanalytiker-Kollegen, die sich im „Kampf um die Erinnerung“ zu skeptischen Heroen stilisieren und eine skierotisierte reine Lehre behutsam zu Tode pflegen, sollten es ihm danken. Ohne Horst Eberhard Richter käme man vielleicht nicht so ohne weiteres auf den Gedanken, daß uns die Psychoanalyse siebenunddreißig Jahre nach Freuds Tod noch Bewegendes zu sagen haben könnte. Sie hat es, wenn der Psychoanalytiker nicht den Großen Bruder spielt, der alles besser weiß, sondern sich als Mitbetroffener fragend, leidend und handelnd dem aussetzt, was unser aller Schicksal ist; und, wie Richter, selbst das Geständnis nicht scheut, in solch handelnder Teilnahme auch an „eigenen ungelösten Problemen“ zu arbeiten. Dann entdeckt er nämlich, was für die klassische Psychoanalyse kaum existiert: das Eigengewicht der sozialen Realität – nicht als theoretisches Problem, sondern als praktische Aufgabe.