Die Halbfinalspiele um die Europameisterschaft der Fußballnationalmannschaften finden vom 16.–20. Juni in Belgrad und Zagreb statt. Die deutsche Mannschaft spielt zunächst gegen Jugoslawien, Holland gegen die ČSSR. Die beiden Sieger bestreiten am 20. Juni das Endspiel, die Verlierer spielen einen Tag vorher um Platz drei und vier. Helmut Schön, der Bundestrainer, sprach, genau wie einige Spieler, nach dem Spiel gegen Spanien in München (2:0) davon, daß nun die Favoritenrolle bei den Gastgebern liege, da sie ja im eigenen Lande anträten. Dabei scheint so etwas wie Zweckpessimismus der Vater des Gedankens zu sein.

Denn eine Kurzanalyse des Spielverlaufs vom vergangenen Sonnabend in München zeigte zwei deutliche Schwerpunkte in der Spielanlage der deutschen Fußballnationalmannschaft, immer wieder zum Erfolg führen: die auch vom spanischen Trainer Ladislav Kubala mit „Disziplin“ umschriebene Bereitschaft der Spieler, bestimmte Aufgaben 90 Minuten lang zu erfüllen und nie aufzugeben. Die Verteidiger Vogts und Dietz sind dafür Beispiele. Sie verfolgten ihre spanischen Gegenspieler Quini und Churruca unerbittlich, wo immer diese auftauchten. War die deutsche Mannschaft im Ballbesitz, liefen sich beide sofort frei, um angespielt werden zu können.

Berti Vogts war der erste, der aufs Tor der Spanier schoß, anschließend kehrtmachte und – ohne sich umzusehen – direkt wieder zu Quini rannte. Hinzu kommt, daß jeder deutsche Spieler in der Lage ist, den Ball so dicht und geschickt am Fuß zu führen, daß Gegenspieler es außerordentlich schwer haben, ohne ein Foul zu begehen, sie zu stören. Hoeness und Beer, Wimmer und Bonhof setzten sich so immer wieder durch und kamen in günstige Schußpositionen. Die Kurzformel dafür lautet Tempo mit präziser Technik unter Ausnutzung des großen Fußballfeldes. Die Außenpositionen waren immer besetzt. Dafür sorgte auch Franz Beckenbauer, der die Mitspieler dort hinschickte und sie auch anspielte. Im Gegensatz zur spanischen Mannschaft – und diese mag stellvertretend für die anderen europäischen Mannschaften stehen, die holländische ausgenommen – wechselt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ständig zwischen Sicherheits- und Tempofußball. Der Ball wird vor allem bei Beckenbauer, Schwarzenbeck und Bonhof solange gehalten, bis plötzlich mindestens zwei Spieler losrennen und Gegenspieler mitziehen. Gleichzeitig bleiben jeweils zwei immer in Ballnähe, um anspielbereit zu sein. Damit scheint eine Mischung in der Spielanlage von Bayern München und Borussia Mönchengladbach erreicht zu sein. Die Blockbildung bewährt sich also. Das Prinzip lautet: Laufen und den Ball laufen lassen – der Europameister von 1972 hat gute Aussichten, seinen Titel zu verteidigen. J. W.