Zum ersten Band einer neuen Propyläen-Reihe

Von Carlo Schmid

Dieses vorzügliche Buch ist der erste Band einer auf sechs Bände angelegten Geschichte Europas. Ihr Fluß ist von den Verfassern nicht so sehr nach Dynastien und ihren Auseinandersetzungen geordnet worden, als vielmehr nach den politischen Strukturen, die der Wandel der jeweiligen theologischen, philosophischen, moralischen, ökonomischen, politischen Vorstellungen der Handelnden und der Leidenden, vor allem aber des Verhältnisses der Oberen und der Unteren zur Macht- und zum Problem der Rechtmäßigkeit ihrer Ausübung und Zuordnung jeweils hervorgebracht hat.

Hellmut Diwald: „Anspruch auf Mündigkeit um 1400 bis 1555“; in: Propyläen Geschichte Europas, Band 1; Propyläen Verlag, Berlin 1975; 524 S., davon 384 Seiten Haupttext, 168,– DM.

Das Gesamtwerk beginnt mit der Zeit um das Jahr 1400, die so reich an Ereignissen und Umbrüchen auf allen Gebieten des Geistes und des Selbstverständnisses der Staaten, der Fürsten und der Untertanen war; in deren Fortgang die Glaubenseinheit der europäischen Christenheit zerfiel. Wo die Säkularisierung des Staates sich vollendete sowie im Verhältnis der Staaten zueinander und im Verhältnis der Obrigkeit zu ihren Untertanen die Moraltheologie der fast unumschränkten Herrschaft des reinen Zweckdenkens im Zeichen einer rationalen Methodik im Gebrauch der Macht und der Verfolgung des Staatsinteresses wich.

Die Reihe endet mit den Jahrzehnten nach 1917, in denen das europäische Staatensystem aufhörte, der alleinige Beweger der Weltpolitik und das Zentrum ihres Koordinatensystems zu sein. Diesen Zwischenraum füllen aus ein Band über die Hegemoniekriege und die Glaubenskämpfe; ein Band über das Jahrhundert des Glaubens an die alle Zusammenhänge und Bedingungen der gesetzmäßigen Abläufe der Vorgänge in dem unserer Erfahrung zugänglichen Reich der Naturkräfte und der sich in der Geschichte offenbarenden Welt der menschlichen Affekte und Bedürfnisse aufhellende Vernunft des lumen naturale; ein Band, der von dem Durchbruch des Bürgertums handelt, und schließlich ein Band, darin die in der Zeit von 1848 bis 1914 entstandene weltpolitische Vormachtstellung des europäischen Staatensystems geschildert wird – jene sieben Jahrzehnte, da wir Europäer glaubten, der Sinn der Weltgeschichte erfülle sich in den wenn auch oft gewaltsamen, so doch immer wieder zu einer Harmonie der Interessen und zum Gleichgewicht der Macht führenden Auseinandersetzungen der großen Mächte um den Anteil an den Machtverhältnissen, die dem europäischen Staatensystem gestatteten, nach der jeweiligen Einsicht in seine Interessen die politische Ordnung der Welt zu bestimmen – the white man’s burden...

Der erste Band trägt den Titel „Anspruch auf Mündigkeit um 1400 bis 1555“ und hat Hellmut Diwald zum Verfasser. In der Einleitung gibt er gewissenhaft Rechenschaft von den methodischen Prinzipien, denen er zu folgen gedenkt: versuchen, aufzugreifen und zu formulieren, was völlig klar zu sein scheint und sich trotzdem nur annähernd sachgerecht erfassen und darstellen läßt, und gleichzeitig versuchen, „dasjenige ins Wort zu bringen, das bloße wuchernde Fülle der Geschichte zu sein scheint und sich so leicht schildern läßt“, zu leicht, als daß es angemessen geschildert wäre.