Von Hermann Bößenecker

Siege und Niederlagen derer, die daran verdienen wollten, stecken den stürmischen Vormarsch der Computer in den letzten eineinhalb Jahrzehnten ab. Große Konzerne scheiterten ebenso wie mittlere Firmen, traditionsreiche Unternehmen der Branche blieben auf der Strecke, und Newcomer machten das Rennen – oder auch nicht.

Wie dicht in dieser immer noch von hektischen technologischen Umwälzungen betroffenen Branche Glück und Unglück beieinander liegen, wurde auf der letzten Hannover-Messe sogar räumlich deutlich. Während Senkrechtstarter Heinz Nixdorf Tag für Tag einem euphorischen Optimismus huldigte, mußte sein früherer Exportchef, Peter Ehrlich, der Anfang 1975 mit großen Erwartungen als Vorstandssprecher zu der Anker-Werke AG nach Bielefeld gegangen war, wenige Meter weiter mit dem Mut der Verzweiflung um jeden einzelnen Kunden ringen.

Anker nämlich war ausgerechnet einen Tag vor Messebeginn in Konkurs gegangen. Und jeder wollte nun von Ehrlich wissen, wie es denn weitergehe. Dem glücklosen Manager blieb nur die Antwort, er hoffe, die von den beiden Hausbanken Dresdner Bank und Bank für Gemeinwirtschaft etablierte Auffanggesellschaft ADS Anker Data System GmbH könne, vom Ballast der Vergangenheit befreit, einen neuen Anfang machen.

Wie Anker ist es in den letzten Jahren vielen anderen gegangen: Sie haben den zu spät begonnenen Weg ins Computer-Zeitalter verfehlt, sind im Konkurrenzkampf zerrieben worden oder haben sich rechtzeitig – zum Teil mit hohen Verlusten – wieder aus dem riskanten Geschäft mit der Datenverarbeitung zurückgezogen. Partnerschaften wurden geschlossen, Pools gebildet und wieder gesprengt.

Gebannt schauen sie alle auf den übermächtigen Branchen-Spitzenreiter IBM, der weltweit das Gesetz des Handelns in dieser Industrie diktiert. Der allen anderen die Entschlüsse aufzwingt – auch wenn sich in seinem Schatten durchaus viele Kleine mit Erfolg tummeln. Die dominierende Position des Giganten mit einem Weltmarktanteil von nahezu sechzig Prozent ist nach wie vor das entscheidende Strukturelement dieser avantgardistischen Branche.

Auch wenn der Wettbewerb der Kleineren untereinander hart genug ist – das Schicksal der meisten Firmen, die auf diesem Terrain Fuß zu fassen suchen, wird im Widerstreit mit dem Riesen entschieden. Der selbstbewußte Heinz Nixdorf tönte zwar gerade wieder: „Ich habe mir den größten Konkurrenten der Welt ausgesucht.“ Aber Illusionen macht auch er sich nicht: „Wir stehen in einem tödlichen Abwehrkampf gegen IBM. Das wissen alle.“

Auch einen der Größe nach durchaus ebenbürtigen Gegner hat der Mut verlassen: Im September 1970 entschied der Welt größter Elektrokonzern General Electric (GE), sich aus der kommerziellen Datenverarbeitung zurückzuziehen. Nach langjährigen Anwendungserfahrungen mit Elektronenrechnern im eigenen Haus war GE erst 1964 in dieses Geschäft eingestiegen. Immerhin verkaufte der Konzern insgesamt für mehr als vier Milliarden Mark Computer.

Doch die Verluste summierten sich allein von 1965 bis 1970 auf 267 Millionen Dollar (mehr als eine Milliarde Mark). In die EDV-Spirte hatte GE annähernd 500 Millionen Dollar gesteckt. Um jedoch einen US-Marktanteil von zehn Prozent zu erreichen, wären noch einmal 860 Millionen Dollar für die Entwicklung einer fortschrittlichen Produktlinie sowie für den Ausbau des Vertriebs und des Mietgeschäfts nötig gewesen. „Dieser Aufwand aber verbot sich“, so erklärte GE-Boß Reginald H. Jones in einem Hearing zum Antitrustverfahren gegen IBM.

Der unwillige General

Er rühmte bei dieser Gelegenheit uneingeschränkt das IBM-Management und begründete den Rückzug der GE so: „Wir versäumten es, rechtzeitig die nötigen menschlichen und finanziellen Anstrengungen zu unternehmen.“

GE verkaufte damals die Computer-Aktivitäten für 240 Millionen Dollar an den Konkurrenten Honeywell, der sie zusammen mit dem eigenen Engagement in die Honeywell Information Systems Inc. einbrächte. Daran ist GE noch mit 18,5 Prozent beteiligt. Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich diese angebliche „Mesalliance“ bewährt. GE kann hoffen, am Ende sogar noch einen „Schnitt“ zu machen.

Zur General Electric waren bereits vorher zwei andere Firmen gestoßen. Einmal die französische Compagnie des Machines Bull, die auf den (1925 verstorbenen) Norweger Frederick Bull zurückgeht, und zum anderen die Olivetti-General Electric S.p.A.

Gegen die Übernahme der siechen Machines Bull durch GE hatte sich der frühere französische Staatspräsident General de Gaulle lange gesperrt. Doch 1964 gab es keinen anderen Ausweg mehr. Gleichzeitig suchten die glücklosen italienischen Computerbauer von Olivetti bei dem US-Konzern Unterschlupf. Später, als die Existenzkrise von Olivetti überwunden war, sah der neue Präsident Bruno Visentini im Verkauf der Computer-Produktion an GE „die größte Fehlentscheidung, die Olivetti jemals getroffen hat“. Mit Mini-Computern schaffte Visentini ein Comeback in der EDV.

In den Honeywell-Pool ist inzwischen eine zweite französische Firma eingebracht worden: die auf Initiative de Gaulles 1966 gegründete und mit nahezu einer Milliarde Mark Staatsgeldern hochgepäppelte Compagnie Internationale pour l’Informatique (CII). An der neuen CII-Honeywell-Bull hat zwar französisches Kapital mit 53 Prozent gegenüber Honeywell das Übergewicht; dafür muß Paris aber auch schwer bluten. In vier Jahren wird der Staat sechs Milliarden Francs – davon vier Milliarden für Regierungsaufträge – in den Konzern pumpen müssen.

Mit der CII verbinden sich auch deutsche Reminiszenzen. Sie war bis 1975 Mitglied des inzwischen geplatzten europäischen Computer-Dreierbundes Unidata – eines erst zwei Jahre zuvor gezielt gegen die IBM gerichteten Pakts zwischen den Franzosen, der Siemens AG und dem holländischen Philips-Konzern. Siemens, ein „Spätling“ der Computer-Industrie mit heute immerhin über 16 Prozent deutschem Marktanteil, war damit abermals um eine Hoffnung ärmer. Denn der Scheidung auf französisch war vier Jahre vorher schon eine auf amerikanisch vorausgegangen.

Ende 1964 hatte sich Siemens aus der Erkenntnis heraus, daß allein kein marktgängiges Computer-Programm auf die Beine zu stellen sei, mit dem US-Konzern Radio Corporation of America (RCA) zusammengetan. Doch im Herbst 1971 entschloß sich die starke RCA überraschend, wie ein Jahr vorher General Electric, das Datengeschäft ganz aufzugeben. Auch die RCA schreckte vor Investitionen von schätzungsweise 500 Millionen Dollar in den folgenden Jahren zurück, nahm lieber einen Verlust von 250 Millionen Dollar in Kauf. 1973 erhielt RCA 135 Millionen Dollar von der Sperry Rand Corp., deren Univac-Division ihren Kundenstamm mit rund tausend Anlagen übernommen hatte.

Da Siemens gleich zweimal den Kooperationspartner verloren hat, betont nun das Management die eigene Stärke. Auf längere Sicht ist allerdings ein Zusammengehen mit Sperry Univac durchaus wahrscheinlich. Jedenfalls werben die Amerikaner heftig um Siemens. Ohne Verluste ging es aber auch in München nicht. Das Computergeschäft brachte allein 1975 ein Minus von 180 Millionen Mark. Frühestens 1980, so glauben die Manager, kann Siemens die roten Zahlen in dieser Sparte vergessen.

Im übrigen wurde Siemens auch von der Anker-Pleite berührt: Aus Bielefeld bezog der Konzern bisher rund 300 Terminals, die er für seine Computer-Installationen vor allem bei Banken benötigt. Nach einer Übergangszeit von einigen Monaten will Siemens diese Daten-Endstationen selbst produzieren. Damit werden Hoffnungen zunichte, daß Siemens helfen könnte, die Produktion in Bielefeld auf die Dauer zu retten.

Bonner Wünsche

Dabei hat Siemens durchaus schon anderen, die vor dem Computer resignierten, die Kohlen aus dem Feuer geholt, holen müssen: 1967 kaufte der Konzern auf dringenden Wunsch Bonns der deutschen Brown, Boveri & Cie AG, Mannheim, die traditionsreiche Bad Hersfelder Zuse KG für nur sechs Millionen Mark ab – um eine amerikanische Besitzergreifung zu verhindern. Dabei dürfte drei Jahre zuvor die um einen Einstieg ins Datengeschäft bemühte BBC dem weltberühmten deutschen Computer-Pionier Konrad Zuse mehr als zehnmal soviel gezahlt haben. Insgesamt hat dieses verfehlte Engagement die BBC vermutlich 80 bis 90 Millionen Mark gekostet.

Mitte 1974 schließlich erwarb Siemens, wieder auf Drängen Bonns, die Konstanzer Telefunken Computer GmbH (TC), die von den früheren Besitzern, der AEG-Telefunken und Nixdorf, dazu bestimmt war, die glücklosen Großcomputer von Telefunken flottzumachen. In zwei Jahren brachte es die TC auf 86 Millionen Mark Verlust. Hier hatte auch Nixdorf resignieren müssen. „Wir haben viel daraus gelernt“, sagt er heute.

Damit ist aber die Liste der Fehlschläge und Pleiten im Computer-Business noch nicht vollständig.

Zu den Verlierern gehört auch der holländische Philips-Konzern, der erst Ende 1968 nach langem Zögern ins Rechner-Rennen eingestiegen war. Auf den Zerfall der Unidata reagierten die Bosse in Eindhoven anders als der Expartner Siemens. Sie bliesen zum Rückzug aus dem Geschäft mit mittleren und großen Anlagen und beschränkten sich auf die kleineren Office-Computer.

Nach Verlusten von durchschnittlich 44 Millionen Dollar im Jahr seit 1970 gab auch der amerikanische Produzent von Kopiergeräten, die Xerox Corporation, 1975 die Computer-Sparte auf. Erst 1969 hatte sich Xerox diesen Geschäftszweig zugelegt.

Wenige Monate später zog die Singer Company, New York, den Schlußstrich unter ein Debakel: Nicht zuletzt unter dem Druck der Banken beschloß das Management, die Business Machines Division abzustoßen, die der Nähmaschinenkonzern nach der Übernahme der Friden Inc. seit 1963 stark forciert hatte. Im Abschluß 1975 mußten dafür 350 Millionen Dollar abgeschrieben werden.

Erstaunliche Erfolge am Markt hatte Singer vor allem mit elektronischen Registrierkassen erlebt, sogenannten „Point-of-Sales“-Terminals. Mit diesen Produkten hatte Singer zu Anfang der siebziger Jahre eine Existenzkrise des Registrier-Königs NCR genutzt. Singer konnte Aufträge über 100 000 Laden-Terminals verbuchen; allein 40 000 wurden von dem Versand- und Warenhausriesen Sears Roebuck bestellt. Doch die Preise stimmten nicht. Als sich die NCR von ihrer schweren Misere erholt hatte, mußte Singer die Segel streichen.

Die amerikanische Organisation der Singer-Business-Machines hat inzwischen der Misch-Konzern TRW (Thomson Ramo Wooldridge) übernommen. Das internationale Geschäft erhält die englische International Computer Ltd. (ICL). Die Gesamtkaufsumme wird auf annähernd 65 Millionen Mark geschätzt. In welchem Umfang das Singer-Programm von ICL fortgeführt wird, ist noch offen. Vor allem die Kassenterminals von Singer scheinen die ICL nicht zu begeistern.

Daß aber daraus der neuen ADS Anker Data System Vorteile erwachsen, ist höchst unsicher. Zwar hatte Anker bisher die ICL mit Kassenterminals bedient. Doch die Engländer wollen diese Verbindung nur dann wiederbeleben, wenn sich für den Anker-Nachfolger doch noch ein finanzstarker Partner findet.

Verhandelt wird nach vielen Seiten. Aber die Engländer wollen sich so wenig wie Siemens selbst mit der schwer angeschlagenen Fabrik belasten.