Einem motorisierten jungen Manne, der wegen Vergewaltigung einer Mitfahrerin vier Jahre Gefängnis bekommen hatte, wurde laut Urteil der höheren Instanz in Mulhouse (Elsaß) zwei Jahre erlassen. Das Berufungsgericht erkannte als mildernden Umstand an, daß er von seinem Opfer aufgefordert worden war, es mitzunehmen. Unser Kommentar kann also lauten: Zwei Jahre sind die Hälfte von vier Jahren. Mit anderen Worten: Eine Vergewaltigung ist halb so schlimm.

An dieser Stelle muß ich mitteilen, daß mir diese Nachricht aus Irland zugeschickt wurde, offenbar in der Absicht, mich zu einigen Äußerungen zu provozieren. Dieser Versuch kann als gelungen betrachtet werden. Wobei erwähnt sei, daß im Rheinischen etwas „Gelungenes“ auch etwas „Komisches“ bedeutet.

Was ist nun aber komisch an dem Interesse des Absenders für die französische Rechtsprechung? Zu dieser Frage müssen wir wissen, daß Irland trotz seines großen Autors James Joyce ziemlich prüde ist, so daß beispielsweise aus Filmen heftige Umarmungen weggeschnitten werden. Folglich bleiben von abenteuerlichen Bildstreifen vornehmlich wilde Ritte oder tollkühne Motorradfahrten übrig.

Wenn man der irischen Meldung auch nachrühmen kann, daß sie die Würze der Kürze besitzt, so muß man andererseits tadeln, daß viele Einzelheiten fehlen. Hier ist es wohl schlimmer als bei den Filmen. Denn es ist ja nicht einmal klar, ob es sich um einen Auto- oder, wie wir vermuten, um einen Motorradfahrer handelt. Unsere Vermutung gründet sich auf die Milde der französischen Berufungsrichter, die sich in die Situation des Täters versetzt hatten. Der Motor-Mann knattert los, gibt Gas, legt sich schneidig und geschmeidig in die Kurve; da schmiegen sich ihm von hinten zwei Arme um die Hüften und verharren in der Umklammerung. Je nach Bauart des Motorrades nähern sich zwei Schenkel seinem, des Fahrers Hinterteil. An dieser Stelle wollen wir abbrechen. Es könnten sonst die zwei übriggebliebenen Jahre nicht mehr als Milde, sondern immer noch als allzu große Strenge ausgelegt werden.

Falls es in der Absicht des Briefschreibers aus Irland lag, Gerichtskritik, Urteilsschelte zu veranlassen – nein, dazu müßten wir vielmehr Einzelheiten wissen. Wir können annehmen, daß des Übeltäters Opfer ein hübsches Mädchen war, ja sogar ein sehr hübsches. Aber wir wissen es nicht. Wir können genausogut schließen, daß dem Verbrecher mildernde Umstände zugebilligt wurden, weil sein Opfer häßlich war. Wir müßten auch das Fabrikat und den Motor-Inhalt der Maschine wissen. Große, gut gefederte Motorräder regen auf normalen Landstraßen die männliche Aktivität nicht so sehr an, wie kleine Knaller es tun. Schließlich müßten wir nicht nur den Straßenzustand, sondern auch die Landschaft allgemein in Betracht ziehen. Ein Waldweg beispielsweise bei Mondschein, und dann der Gedanke, daß die Kleine da hinten ja schließlich freiwillig aufgehupft ist und das gemacht hat, was die irische Meldung „Hitchhiking“ nennt...

Im übrigen ist es natürlich auch, möglich, daß die französischen Berufungsrichter keineswegs von galanten oder ungalanten Vorstellungen geplagt wurden, sondern ganz einfach von Überlegungen, wie sie Richtern aller Nationen gut anstehen, nämlich, daß zwei Jahre Gefängnis zwei Jahre Gefängnis sind: eine lange Zeit.