Von Wilfried Kratz

Die Briten klettern nun mühsam und unter Schmerzen die Inflationstreppe wieder hinab, die sie vorher in einem wilden Taumel hinaufgestürmt waren. Die letzten beiden Jahre waren für sie ein teurer Lernprozeß. Für die Erkenntnis, daß übermäßige Lohnerhöhungen – finanziert von einer willigen Geldpolitik – Inflation und Arbeitslosigkeit hervorrufen, zumindest aber verstärken können, zahlte das Land mit einer abgewerteten Währung, drückenden Schulden und einer Zunahme der gesellschaftlichen Spannungen.

Länger als andere Länder weigerte sich Großbritannien einzugestehen, daß die Ölpreisexplosion von 1973/74 einen Verlust von Realeinkommen nach sich zog. Während die Rezession einsetzte, genehmigten sich die Briten unbekümmert Lohnzulagen in der Größenordnung von 25 bis 30 Prozent, die dann sehr schnell von den Preiserhöhungen wieder aufgezehrt wurden; zum Ausgleich wurden neue Lohnerhöhungen verlangt. Dieser Wettlauf konnte nur begrenzte Zeit durchgehalten werden. Er mußte auf die Dauer die stärkste Volkswirtschaft ruinieren, von der strukturell geschwächten britischen ganz zu schweigen. Im letzten Sommer schlug die Stunde der Wahrheit, als ein Zusammenbruch des Vertrauens in das Pfund drohte. Die Labourregierung schaltete auf Lohnbeschränkungen um.

Noch einmal wird den Briten eine Minderung des Lebensstandards abverlangt – die Realeinkommen werden nach Schätzung der Regierung in den nächsten achtzehn Monaten um ein bis zwei Prozent sinken – und die Gewerkschaftsbosse nehmen das hin. Das ist ein erstaunlicher Vorgang.

In der nächsten im August beginnenden Runde sollen die Löhne und Gehälter um nicht weniger als 11,50 Mark und um nicht mehr als 18,40 Mark in der Woche steigen. Die strikte Anwendung würde nach amtlicher Kalkulation bedeuten, daß die durchschnittliche Lohn- und Gehaltssumme um etwa viereinhalb Prozent zunimmt. Das würde ungefähr auf eine Halbierung der Zuwachsrate im Vergleich zu der laufenden Lohnrunde hinauslaufen. Damit wiederum hofft die Regierung, die Inflationsrate um die Hälfte kappen zu können, auf fünf bis sechs Prozent Ende 1977; das wird von vielen Beobachtern für sehr optimistisch gehalten.

Was die Lohnpolitik anlangt, so wäre Großbritannien also im Begriff, vom größten Sünder geradezu zum Musterknaben der westlichen Welt zu werden. Mit einigem Stolz vermerkte denn auch Schatzkanzler Denis Healey, diese neue Norm „liegt wahrscheinlich unter den Lohnerhöhungen in praktisch allen westlichen Industrieländern in diesem Jahr. Sogar die Deutschen mit ihren ausgezeichneten Ergebnissen erleben eine Zuwachsrate von mehr als 6 Prozent.“

Das Denken in Großbritannien ist derart auf Lohnraten fixiert, daß nun überdimensionierte Erwartungen an den Lohnpakt geknüpft werden. Alle Windungen und Wendungen der Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsbossen und Ministern wurden Sorgfältig registriert und groß publiziert. Auf der Suche nach Ursachen für die Pfundschwäche wurde immer wieder die Unsicherheit über die neue Lohnvereinbarung als Hauptgrund angeführt. Wie dürftig diese Erklärungen sind, zeigte sich, als die erwartete Reaktion auf den Lohnpakt ausblieb und die Devisenmärkte die erhoffte Stützung für das Pfund verweigerten.