Von Karl Morgenstern

Mit 16 Jahren wurde der Hildesheimer Gymnasiast Walter Kusch als die größte Hoffnung des europäischen Schwimmsports gefeiert. Das war im Spätsommer 1970, als er bei den Europameisterschaften im Bernardo-Picornell-Stadion in Barcelona eine Bronzemedaille im 200-Meter-Brustschwimmen gewann. 2:28,2 Minuten waren obendrein deutscher Rekord. Inzwischen ist Walter Kusch nicht nur 21 Jahre alt geworden, sondern auch bei 2:22,68 Minuten angelangt. Er wurde – mit 21 – Sprecher der deutschen Nationalmannschaft.

Und er will mit 22 Jahren in Montreal erreichen, was ihm in München 1972 mißlang, weil sein damaliger Trainer Gerhard Hetz zwar sehr viel vom Schwimmen, doch sehr wenig von Psychologie verstand. Der Brustschwimmer Walter Kusch möchte eine Medaille gewinnen und gibt sich doch von vornherein keinen Illusionen hin: „Gewinnen kann ich nicht. Der Schotte David Wilkie wird nicht zu schlagen sein. Es gibt in der Welt keinen besseren Brustschwimmer als ihn.“

Was Walter Kusch erklärt, klingt paradox, weil es Walter Kusch sagt. Denn die Weltrekorde im Brustschwimmen hält nicht der Schotte David Wilkie, sondern der Amerikaner John Hencken. Verständlich wird Kuschs Prophetie nur, wenn er seinen eigenen Ehrgeiz definiert: „Mich interessiert die absolute Leistung. Würde ich zwischen Olympiasieg und Weltrekord wählen können, ich glaube, ich würde den Weltrekord wählen.“ Ein bißchen klingt’s wie die Fabel vom Fuchs mit den Trauben. Walter Kusch wird schwerlich Weltrekord schwimmen können; ein Olympiasieg wäre ihm in glücklicher Stunde, das Pech der Konkurrenz einbezogen, eher zuzutrauen.

Doch freimütig und lächelnd bekennt Walter Kusch auch: „Am schönsten ist’s natürlich, wenn das eine zum anderen kommt. Ich glaube, bei David Wilkie wird es in Montreal so sein.“ Walter Kuschs Laufbahn, die bis heute genauso viel Höhen wie Tiefen kennt, ist unvorstellbar ohne vier Männer, die jeder auf seine Weise seinen Weg geebnet haben. Daheim in Hildesheim erkannte ein junger Trainer sehr schnell das Talent dieses Schülers. Doch in der niedersächsischen Provinz fehlten die notwendigen Trainingsvoraussetzungen.

Also schloß sich Walter Kusch Blau-Weiß Bochum an, einem Verein, der schon Ende der sechziger Jahre moderne Trainingsbedingungen für Spitzensportler geschaffen hatte. Gerd Prüssner leistete in Bochum wertvolle Aufbauarbeit, formte den eigenwilligen Athleten und führte ihn in die europäische Extraklasse. Walter Kuschs Höhenflug sollte dann bei den renommierten SSF Bonn, wo Gerhard Hetz als Trainer tätig war, seine Fortsetzung erfahren. Zwei Europarekorde im olympischen Sommer 1972 markierten diesen Abschnitt. Die hochgesteckten Erwartungen in München aber erfüllten sich nicht, obwohl Walter Kusch mehr leistete, als viele Kritiker wahrhaben wollten. Er war immerhin Europas schnellster Brustschwimmer. Es hätte mehr sein können, wenn Gerhard Hetz nicht zuviel verlangt und vor allem nicht an sein eigenes Renommee gedacht hätte.

Hetz’ Nachfolger bei den SSF Bonn heißt örjan Madsen. Der norwegische Diplom-Sportlehrer hat den Menschen Walter Kusch entdeckt und damit neue sportliche Energien freigelegt. Derselbe Schwimmer, der vor vier Jahren dem Leistungssport ade sagen wollte, stellt heute fest: „Mir macht das Training wieder Freude.“ Das sagt der Schwimmer, der heute mehr als je zuvor in seiner nunmehr schon sieben Jahre währenden Laufbahn trainiert. „Früher haben mich vor allem Reisen interessiert. Reisen kann ich mir heute selbst ermöglichen. Heute macht mir das Leben in der Gemeinschaft Spaß.“