Legt man die letzte der für jeden Monat von der Vereinigung der Tennis-Professionals (ATP) neu herausgegebenen, durch Computer nach den aktuellen Turnierergebnissen errechneten Ranglisten der besten Tennisspieler der Welt zugrunde, dann waren die 70. Internationalen Tennismeisterschaften in Hamburg sicher nicht erstklassig besetzt. Nur die beiden Endspielgegner im Herreneinzel, der Amerikaner Eddie Dibbs – er gewann das Finale in fünf spannenden Sätzen und kassierte dafür 40 000 Mark – und sein Kontrahent, der Spanier Manuel Orantes, der sich damit immerhin noch 20 000 Mark verdiente, rangieren in der Liste des Monats April unter den ersten zwölf.

Daß diesmal der zwölfte den fünften bezwang, zeigt allerdings, daß die Leistungsunterschiede in der Weltspitze sehr gering sind und dort jeder jeden schlagen kann. Doch die Gründe für die geringe Beteiligung von Weltklasse-Spielern liegen woanders. Erstens ist der Termin des Hamburger Turniers nicht durch den Internationalen Tennis Verband (ILTF) geschützt. Dafür aber das unmittelbar anschließende Turnier in Rom, das heißt, kein anderer großer Wettbewerb der Grand-Prix-Serie findet zu dieser Zeit statt.

Da aber nur bei diesen Preisgelder zwischen 300 000 Mark – wie etwa in Hamburg – und 500 000 Mark wie zum Beispiel in Wimbledon oder Forest Hills (Amerika) ausgeschüttet werden, kalkulieren die Spieler genau, ob sie nicht solange in Amerika oder Asien spielen, wie dort gleichzeitig gleichwertige und zum Teil auch lukrativere Turniere angeboten werden. Denn die Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung tragen die Spieler im Gegensatz zu früher selbst, und sie treten die Reise nach Europa daher so spät wie möglich an; Hamburg droht dabei ins internationale Abseits zu geraten.

Günther Neckritz, Mitglied des Veranstalters, der Hamburger Tennis-Gilde, beklagte daher auch das Problem der fehlenden guten Kontakte zu den internationalen Gremien, vor allem zum ILTF, der die Termine für die Tenniscracks reguliert: „Wir lavieren uns nur durch und das trotz der Tatsache, mit über 700 000 Mitgliedern einer der größten Verbände der Welt zu sein. Wir haben nicht viel mehr Einfluß als die Schweiz.“ Das liegt sicherlich auch daran, daß die deutschen Spieler, die erst kürzlich im Viertelfinale des Davis-Pokals gegen die UdSSR ausschieden, international zwar mitspielen, allerdings ohne großen Erfolg, wenn man einmal von Karl Meilers Erringung der Weltmeisterschaft im Doppel zusammen mit dem Polen Wojtech Fibak absieht.

Doch das sind punktuelle Ausnahmen ohne Aussagekraft für die Manager der großen Tennis-Aussagekraft So gesehen ist Hamburg für sie Tennis-Provinz. Dabei ist die Veranstaltung am Rothenbaum von der Organisation und Durchführung her gesehen durchaus attraktiv. Etwa 40 000 Zuschauer – davon am Endspieltag allein 8000 –, Werbung und Fernsehen sorgten dafür, daß die Kosten von über 500 000 Mark gedeckt wurden. 40 000 aktive Mitglieder hat auch der Hamburger Tennis Verband, der in diesem Turnier nicht nur den Werbeeffekt für diese Sportart sieht, sondern gleichzeitig – so Günther Neckritz – eine Verpflichtung spürt, in Hamburg auch ein Tor zum Tennis der Weltklasse aufzustoßen.

Das großartige Spiel des erst 20jährigen Werner Zirngibl gegen den Chilenen Fillol, 19. der Weltrangliste vom April, das er trotz zweier Matchbälle verlor, bewies, daß vor allem die jungen deutschen Spieler – auch Uli Pinner, der erst im Viertelfinale gegen Orantes ausschied, zählt dazu – die Qualitäten besitzen, diesen Anspruch zu verwirklichen. Bis zum nächsten Jahr will die Hamburger Tennis-Gilde versuchen, ebenfalls den Turnier-Termin schützen zu lassen. Der Mut, das finanzielle Risiko einzugehen, ist vom Hamburger Publikum jedenfalls honoriert worden.

Jürgen Werner