Das Werk Richard Lindners bereitet, obwohl scheinbar simpel, dem Publikum noch immer Schwierigkeiten. Sie beginnen mit der Einordnung: Wo gehört dieser 1901 in Hamburg geborene Deutschamerikaner hin? Die Amerikaner, die auf seine Bilder von den frühen fünfziger Jahren an ihr Augenmerk hatten (als er, seit 1941 in New York, seit 1952 ausschließlich malend, die Kunst der Neuen Sachlichkeit verspätet rekapituliert), meinten in ihm den Emigranten par excellence zu erkennen. In Deutschland dagegen empfand man seine Kunst als typisch amerikanisch: War das Pop Art, wie wir zunächst meinten? Oder hatten wir da einen zeichenhaft-emblematischen Realismus eigener Prägung vor uns? Es war gerade die Direktheit dieser plakativen Bilder, die verwirrte, die – ihr negativer Aspekt – manche an ihrem Kunstcharakter zweifeln ließ oder später – unter positivem Vorzeichen – andere zu ausschließlich sozialkritischer oder tiefenpsychologischer Betrachtung inspirierte.

Diese Schwierigkeiten spiegelten auch die ersten Bücher über Lindner Ende der sechziger Jahre (denen nur ein Hommage von Sidney Tillim vorausgegangen war): Rolf-Gunter Dienst ging der Ikonographie Lindners im amerikanischen Alltag nach, die New Yorker Kritikerin Dore Ashton interessierte sich stärker für Lindners Verwurzelung im Vorkriegseuropa und in den Konflikten der Weimarer Republik. Hilton Kramers Essay, der diesen reich ausgestatteten Bildband begleitet, bringt trotz geistreicher Bemerkungen keine wesentlich neuen Gesichtspunkte bei. Lindner ist kein Satiriker und Parodist, er ist ein Voyeur unseres Unbewußten, unserer verborgenen Triebe, unserer geheimen Ängste. Genußvoll, böse und oft betroffen stellt er die Beute intimer Streifzüge ins Neonlicht seiner Bilder. Der Kosmos einer Metropole – und dessen Kehrseite. Eine Welt der Masken, der Verkleidungen – auf der Suche nach Selbstverständnis.

Der von Hilton Kramer, dem Kritiker der ‚New York Times“, herausgegebene Bildband mit knapper Einführung und einem reichen Illustrationsteil, hervorragend gedruckten Farbtafeln, wenigen biographischen Daten und einer ergänzungsbedürftigen Bibliographie ist ein ebenso schönes wie nützliches Buch. Nur: die definitive Monographie über Lindner, wie es großspurig auf der Umschlagklappe heißt, ist es nicht. (Da war der Katalog der Düsseldorfer Ausstellung mit Wolfgang Fischers Interview und dem Aufsatz von Spies ergiebiger.) Kramers Werkverzeichnis setzt erst 1968 ein; ihm folgend konzentrieren sich auch die Abbildungen überwiegend auf die letzten Jahre. Ärgerlich ist, daß ein Hinweis auf das Buch von Dore Ashton fehlt, das die bis 1967 entstandenen Arbeiten registrierte. (Hilton Kramer: „Richard Lindner“, aus dem Amerikanischen von Peter Hahlbrock; Propyläen Verlag, Berlin, 1976; 256 S., 171 Abb., cavon 56 farbig, 148,– DM.)

Wieland Schmied