Den Abgesandten der allmächtigen ITT blieb keine große Wahl. Als sie am Sitz des französischen Elektrokonzerns Thomson am Pariser Boulevard Haussmann eintrafen, konnten sie nur noch den Verkauf ihrer wichtigsten französischen Tochtergesellschaft, "Le Materiel Telephonique" (LMT), unterschreiben. Diese Entscheidung hatte Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing persönlich gefordert – und sein Wunsch war sogar ITT Befehl.

Paris hatte damit wieder einmal ein neues Instrument seiner Industriepolitik eingesetzt: den zwangsweisen Verkauf ausländischer Unternehmen oder von Beteiligungen an einheimische Industriegruppen. Was die Amerikaner "frenchification" und die Franzosen "Naturalisierung" nennen, ist genau besehen nichts anderes als ein schlichter Akt der Erpressung, der sich auch als Enteignung verharmlosen ließe.

Hinter dieser Politik steckt das französische Bedürfnis, wichtige Industrien so weit wie möglich von Ausländern sauberzuhalten. Denn das gaullistische Dogma von der nationalen Unabhängigkeit gilt nicht nur für Diplomatie und, Verteidigung, sondern auch für die Wirtschaft. So müssen Ausländer, die bei der französischen Industrie einsteigen wollen, stets mit einem Veto rechnen. In Pariser Regierungskreisen verbreitet das Wort Überfremdung mindestens genauso viel Schrecken wie das Wort Pleite.

In letzter Zeit häufen sich nun die Beispiele dafür, daß Filialen ausländischer Gesellschaften in französisches Eigentum zurückgeführt werden. Der Staat sorgt damit dafür, daß einheimische Unternehmen ihren Einfluß vergrößern, ohne auf die von den Ausländern eingeführte Technologie verzichten zu müssen. Die Tageszeitung "Le Figaro" verglich die Rolle der Regierung bei diesem Geschäft mit Mäzenen, die "für ihre Fußball- oder Rugbymannschaft einen brasilianischen Spieler oder einen rumänischen Trainer einkaufen".

Paris ist auch um das passende Druckmittel nicht verlegen: Wer nicht verkauft, wird von Staatsaufträgen ausgeschlossen. Im Falle der ITT-Tochter war das besonders deutlich. Frankreich will nämlich endgültig seinen Rückstand im Fernsprechverkehr aufholen. Dafür sollen bis 1985 etwa 135 Milliarden Francs aus öffentlichen Mitteln investiert werden. Doch in amerikanische Kassen soll das Geld auf keinen Fall fließen.

Da jedoch das Telephonprogramm ohne Beteiligung der ITT-Tochter LMT (Umsatz 1974: 1,5 Milliarden Francs) nicht zu schaffen ist, gab das Elysée kurzerhand Verkaufsorder: LMT wurde dem Konkurrenten Thomson (Umsatz 1974: 11 Milliarden Francs) zugeschoben. Die amerikanische Mutter von LMT mußte ihren Segen dazu geben und kassierte 750 Millionen Francs in bar. Zur Belohnung wurden zudem einer anderen ITT-Tochter beträchtliche Aufträge versprochen.

Bei der gleichen Gelegenheit erwischte es auch eine Filiale des schwedischen Telephonbauers Ericsson. Auch die Schweden mußten an Thomson verkaufen und wurden sinnigerweise mit LMT-Aktien entschädigt. Ericsson interessierte die Franzosen, weil die schwedische Technik von den Spezialisten der französischen Post besonders geschätzt wird.