München

Sonntagmorgen in Schwabing: An der Münchner Freiheit, dem zentralen Platz des so gern als Intellektuellen-Amüsierviertel hochgelobten Stadtteils, drängen sich die Menschen, schachern miteinander, lachen, diskutieren: Flohmarkt in Schwabing, eine der wenigen bunten Szenen im Münchner Alltagsbild, bei denen dem Beobachter klar wird, daß Schwabing wirklich „ein Zustand“ ist. Wenn Kinder ihre Comics und die zerkratzten Indianerfiguren anbieten, ein Rentner ausrangierte Wasserhähne und Glocken verkauft und türkische Gastarbeiter bei gebrauchter Kleidung um 50 Pfennige feilschen – dann ist Schwabing wieder mehr als eine St. Pauli-Imitation oder ein Düsseldorfer Altstadt-Verschnitt.

Dennoch überlegten sich Münchens Stadtväter lange, ob sie den spontan entstandenen Markt existieren lassen sollten. Der Münchner Verwaltung fielen mancherlei Verbotsargumente ein: die Verschmutzung der Fußwege, Lärmbelästigung der Anlieger, Behinderung von Passanten. Alles Gründe, die, obwohl dem Ortskundigen fast obskur, den Stadtrat immerhin einige Wochen beschäftigten. Dabei zögerte vor allem die einst so bürgerfreundlich angetretene SPD-Mehrheit im Münchner Rathaus, ehe sie sich ein mühsames Ja zum Flohmarkt abquälte.

Bedrohter Flohmarkt

Jetzt ist dieser schon wieder in Gefahr. Das Grundstück, auf dem der Flohmarkt-Rummel stattfindet, und das Gelände des daneben gelegenen und stark frequentierten Kinderspielplatzes gehören der stadteigenen Sparkasse. Und sie will dieses 20-Millionen-Grundstück verkaufen und mit einem Verwaltungsbau bepflastern lassen.

Schon meldete sich der zuständige Bezirksausschuß zu Wort und lehnte die Bebauung ab. Als abschreckendes Beispiel können die Bürgervertreter dabei das „Hertie“-Hochhaus an der Münchner Freiheit anführen: Noch unter dem ehemaligen OB Hans-Jochen Vogel wurde dieser Hochbau mit seiner schaurig-schwarzen Fassade genehmigt, obwohl er überhaupt nicht zu den Bürgerhäusern an der Leopoldstraße paßt. Jetzt beherrscht der Glas-Beton-Koloß das Bild des „Boulevard Leopold“ vom Siegestor bis zur Münchner Freiheit. Die Schwabinger wehren sich, ein zweites, ähnliches Monstrum „verpaßt“ zu bekommen.

Wie sich in jüngster Zeit zeigte, auch mit einiger Aussicht auf Erfolg. Denn am Nikolaiplatz, einem kleinen baumbeschatteten Rondell, wo noch die letzten Reste des einst dörflichen Schwabing stehen, sollte nach dem Willen der SPD-Stadtväter ebenfalls ein dominierender Betonkomplex erstellt werden. Erst einer Bürgerinitiative, die fast 20 000 Unterschriften sammelte, und dem Engagement der Münchner Rathaus-CSU und -FDP gelang es schließlich, die Sozialdemokraten von ihrem Plan abzubringen.