Lübeck

Die letzten Feierlichkeiten des Denkmalschutzjahres waren noch nicht beendet, da brachen – buchstäblich unter den Schlußakkorden – in der Lübecker Altstadt historische Fassaden zusammen. Die Lübecker, eben noch zur Restaurierung von Häusern und Fassaden aufgefordert, ermahnt, mehr Verständnis für Tradition zu zeigen, staunten nicht schlecht. Die Bulldozer, Bagger und Zementmischmaschinen rollten an, Eichenbalken, Stuck und Sprossenfenster flogen auf den Sperrmüll. „Altstadt kracht, Bargeld lacht“ malten Empörte, die noch das Wort von der „Zukunft für unsere Vergangenheit“ im Ohr hatten, wütend an einen Bauzaun. Tags darauf war der hingepinselte Vorwurf kaum noch zu entziffern. Arbeiter hatten die Zaunteile umgehängt.

„Ist Lübeck noch zu retten?“ Diese drängende Frage der Hansestadt hat inzwischen einen spöttischen Unterton bekommen. Große Burgstraße Nummer 34, klassizistische Fassade, ansonsten vollständig mittelalterlich – verschwunden. Fleischhauerstraße Nummer 64 bis 72 – abgerissen. Gründliche Arbeit leistete hier ein Möbelhaus, das seit Jahren Großgrundbesitzer in der parallel laufenden Hüxstraße ist. Geplant ist ein Durchbruch – ein schwerer Schlag für zwei im Krieg völlig unversehrt gebliebene Straßenzüge. Und auch für die Denkmalpfleger, Kunsthistoriker, Städeteplaner und Soziologen, die ein Jahr ungehindert in der alten Hansestadt Wunschvorstellungen propagieren durften.

Fleischhauerstraße Nummer 53 und 59 – beseitigt. Die Allgemeine Ortskrankenkasse muß, so leid es ihr tut, die beiden Häuser links und rechts ihres Versicherungsgebäudes abreißen. Sie sollen „maßstabsgerecht“ als Neubauten wiedererstehen. Ein großer Teil der oberen Fleischhauerstraße ist längst dem Erdboden gleichgemacht. Hier will sich das Kaufhaus Karstadt ausbreiten; denn beim Holstentor wird bald die Horten-Konkurrenz aufmarschieren. Die Marktforscher haben herausgefunden, daß noch Bedarf besteht.

In der oberen Hüxstraße – sie führt direkt auf das Rathaus zu – steht schon wieder ein Bauzaun. „Wir bauen um...“ läßt der Besitzer auf dem Lattenzaun die Kundschaft wissen. Umbau ist gut. Erst mal wurde abgerissen, was längst unter Ensembleschutz gehört hätte. Tatsächlich bleibt eine Fassade stehen, soll eine zweite rekonstruiert werden: Ein kleines Feigenblatt für die Wunde, die hier dem Altstadtbild beigebracht wurde? Und vor den Toren der Stadt hat der Direktor der Landesversicherungsanstalt, der in der Lübecker Bürgerschaft sitzt, die Bulldozer nicht aufhalten können, die kleine Wohnhäuser in bestem Zustand einreißen.

Wo bleiben die Lübeck-Retter? Ihnen sind in mancher Beziehung die Hände gebunden. Da hat der Bürgermeister als oberster Denkmalpfleger seinem Bausenator die Verantwortung übertragen, und für den Bauderzernenten scheint es fast unmöglich, auf diesen beiden Klavieren gleichermaßen gut zu spielen. Das mag künftig anders werden; denn Lübeck hat seit dem 1. Mai einen neuen Bürgermeister. Sozialdemokrat Werner Kock wurde von Robert Knüppel (CDU) abgelöst, der dem sozialdemokratischen Bausenator die Denkmalpflege wohl abnehmen wird. Ein Erfolg erscheint zweifelhaft. Nur rund 15 Prozent der fast 600 denkmalgeschützten Häuser gehören der Stadt, etwa 80 Prozent sind in Privatbesitz, der Rest ist Eigentum der Kirche oder anderer Organisationen – ganz zu schweigen von den Häusern, die nicht unter Denkmalschutz stehen, aber zum Stadtbild gehören.

Natürlich gibt es eine Bürgerinitiative, seit dem 23. August 1972. Sie nennt sich „Lübeck Forum“ und bietet die Möglichkeit, Planungsvorhaben der Stadt aus erster Quelle zu erfahren. „Die Arbeitsgruppe“, heißt es in Paragraph 8 der Satzung, „erhält im Einvernehmen mit den zuständigen städtischen Gremien ein Anhörungsrecht in allen Phasen des Entscheidungsprozesses und des formalen Verfahrens, beginnend mit der Problemstellung über die Aufstellung von Entwicklungsplänen, Maßnahmeplanungen bis zur Bauleitplanung“. Mitglieder des „Lübeck Forum“ sind unter anderem der Einzelhandelsverband, der Bund Deutscher Architekten, die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer. 100 Mark Jahresbeitrag sollten Einzelmitglieder bezahlen, hatten die Bürger vom Forum auf der Gründungsversammlung beschlossen. Auf Protest von außen schließlich mußte der Beitrag auf die Hälfte reduziert werden.