Berlin, im Juni

Es war Himmelfahrtstag, ein Freudenfest für Fromme. Im kargen Saal des Charlottenburger Hauses der Kirche aber taten sich die 86 Synodalen der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg (Region Berlin-West) schwer, einen neuen Bischof zu wählen. Sie quälten sich, sie wogen ab und brauchten drei Wahlgänge, um sich auf einen der beiden Kandidaten zu einigen, dann freilich mit einer überwältigenden Mehrheit: auf den 47jährigen Landessuperintendenten Martin Kruse aus Stade (Niedersachsen). War es auch eine überzeugende Wahl, überzeugend für die Berliner Protestanten, für die Kirche der Stadt, für die Evangelische Kirche in Deutschland?

Nach allem, was besonders in den kritischen Novembertagen des Jahres 1974 um den Berliner Bischof und in der Berliner Kirche geschehen war, markieren diese Wahl und der Gewählte einen Wendepunkt: Ruhe nach dem Sturm. Damals, als Bischof Kurt Scharf, der stets durchs Feuer ging, an den öffentlichen Pranger gestellt wurde; als Presse und Protestanten Bombenleger unter Pastoren vermuteten, für ihre Kirche den „Notstand“ proklamierten – damals verzagten viele an der angeblich versagenden Kirche.

Die einen kehrten ihr den Rücken, die anderen forderten Scharfs Rücktritt. Die Wut schlug Wellen, unheiliger Zorn breitete sich aus, geschürt von solchen, denen die ganze Richtung schon lange nicht mehr paßte: Scharfs furchtloses Eintreten für ein Christentum der Tat, für praktizierte Nächstenliebe auch in heiklen Situationen, so als er Ulrike Meinhof in der Zelle besuchte, um sie vom Hungerstreik abzubringen; als er sich vor zwei Mitarbeiter stellte, die der Komplizenschaft mit den Terroristen verdächtigt wurden; als er den Vorwurf zerstreute, das Predigerseminar sei eine „sozialistische Kaderschmiede“. Ein Kirchenkampf war im Winter 1974 in Berlin ausgebrochen, wie er in solcher Schärfe, solcher Gnadenlosigkeit nur in dieser Stadt ausbrechen konnte.

Inzwischen glätteten sich die Wogen, kühlten die aufgebrachten Gemüter ab. Scharf bot seinen Gegnern keine neuen Angriffsflächen, die Kirchenkritiker mußten einsehen, daß sie über das Ziel weit hinausgeschossen waren. Ein Rest an Mißtrauen aber blieb wohl doch, eine Spur von Furcht, der alte Hader könne wieder aufbrechen und die mühsam gekitteten Risse im Gemäuer der Berliner Kirche aufreißen lassen. Sicher nicht aus Resignation, eher aus Rücksicht auf den Burgfrieden, der sich bewähren sollte, erklärte Kurt Scharf im vergangenen Februar seinen Rücktritt zum Jahresende. Ein neuer, ein jüngerer, vor allem ein Nicht-Berliner Bischof sollte der Krise in der Kirche Herr werden. Und schon taten sich mit der Suche nach geeigneten Kandidaten neue Probleme auf: Wer will schon nach Berlin, in dieses schwierige Amt in dieser schwierigen Stadt? Wo sind prominente Persönlichkeiten in der Kirchenlandschaft, die das Zeug zum Bischof haben? Auf welche Ausgewählten schließlich werden sich die Fraktionen der Synode einigen können?

Schon bald zeigte sich, daß von den 22 Namen auf der Vorschlagsliste des Wahlkollegiums die meisten schnell gestrichen werden mußten. Das Wagnis, Scharfs Erbe anzutreten, war ihnen zu groß, der Auftrag zu schwer, als Oberer dieser Kirche zugleich ihre Ordnung zu gewährleisten. Es stellte sich auch heraus, daß es die „großen“ Männer der Kirche nicht mehr gibt, deren Namen wie Programme sind. Auf Dibelius, Lilje, Niemöller, Scharf, die in der Bekennenden Kirche geprägt wurden, folgten keine Kirchenführer, die ihnen ebenbürtig waren – mehr als lediglich kundige Verwalter christlichen Besitzstandes. Nur die Antwort auf die dritte Frage fiel positiv aus: Wie sich das Wahlkollegium einstimmig auf zwei nahezu ähnliche Kandidaten einigte, so schlossen sich in der Wahlsynode dann auch die gegensätzlichen Gruppen bei der letzten Abstimmung zusammen und entschieden sich für den Stader Kruse.

Glanzvoll war diese Wahl des dritten Berliner Bischofs gewiß nicht, sie verlief eher mit geschäftsmäßiger Routine. Doch glanzvoll ist ja auch dieses Amt nicht. Es ist vielmehr ein Amt für einen Kärrner, der sich damit begnügen muß, den Karren „Kirche“ aus den Niederungen des Streites herauszuziehen; ein Amt für einen Schlichter, der die Zerstrittenen miteinander versöhnt. Der Lutheraner Martin Kruse, dem Scharf zur Stärkung sagte, es sei eine Auszeichnung, Berliner zu werden, geht einen schweren Gang, mit „Furcht und Zittern“, wie er selber bekannte. Ohnehin ist es schwierig geworden, Kirche glaubwürdig zu repräsentieren; fast noch schwieriger ist es, Kirche zu behaupten.