Ein Lexikon deutscher Literatur, das die Stichwörter "Französische Revolution" und "Freisler, Roland" (Vorsitzender des "Volksgerichtshofes" von 1942 bis 1945), das "Nordostseekanal" und "Lüneburger Heide", "Niemöller, Martin" und "Göring, Hermann", "Kunstwart" und "Rahmennovelle", "Nun danket alle Gott" und "Gaudeamus igitur" enthält, kann nicht aus dem Zettelkasten eines deutschen Professors und nicht aus der Offizin eines deutschen Verlages kommen.

Nur in einer englischen Gelehrtenstube konnte ein Literaturführer zusammengetragen werden, der von "Aachen", Krönungsstadt deutscher Kaiser, bis "Zwölfjährige Mönchlein, Das" (anonyme mittelhochdeutsche Verslegende) deutsche Literatur-, Geistes-, Kultur-, Sitten- und politische Geschichte der Jahre zwischen 800 und 1974 aufschlüsselt in rund achttausend Stichwörter nach Personen, Titeln, literarischen Figuren, Orten, Ereignissen, Anfangszeilen von Gedichten.

Wie es sich für ein Werk ziemt, das Wilhelmine von Chézys (sie schrieb den Text für Webers "Euryanthe") verwickelte Herzensangelegenheiten als "turbulente eheliche Laufbahn" würdigt und für Georg Christoph Lichtenbergs Entschluß, als "ordentlicher" Göttinger Professor die dreizehnjährige Maria Dorothea Stechard und nach ihrem frühen Tod die junge Margarete Kellner als "Mätresse" ins Haus zu nehmen, die delikate Formulierung findet, "das Grundmuster seiner Privataffären wich von der Göttinger Norm ab", hat das Lexikon einen Mann und eine Frau zu Verfassern, ein Forscher- und auch Ehe-Paar, den emeritierten Germanisten der Universität Exeter und seine (mit Büchern über Kleist und Hebbel) als Literaturwissenschaftlerin bestens empfohlene Frau, Henry und Mary Garland.

Den beiden haben wir es zu verdanken, daß die deutsche Literatur in England nun so wichtig genommen wird wie die klassische antike Literatur, wie englische, französische, amerikanische Literatur, wie Musik und Theater. Denn zu all diesen Bereichen gibt es, aus der Oxford University Press, herrlich voluminöse "Companions". Kein Zufall, daß die Übersetzung des Wortes in dieser Bedeutung Schwierigkeiten macht. Die graublauen "Oxford Companions" sind mehr als Nachschlagwerke, als Lexika; es sind Lesebücher im besten Sinn, "Begleiter", nicht im passiven Sinn von studentischem Tornister-Gepäck, sondern in der aktiven Bedeutung eines Partners für (nicht nur) akademische Gespräche.

Als companionable, als gesellig wollen denn auch die Garlands ihr Buch verstanden wissen: Hier soll der wissenschaftliche Leser, der dann "Benutzer" heißt, ebenso Aufschluß finden über ein Spezialgebiet wie der gewöhnliche Leser, der Allgemeines über literarische Bewegungen in Deutschland erfahren will. Gut ausgewogen zwischen Kurz-Biographien von Schriftstellern, Inhaltsangaben wichtiger Werke, knappen Abrissen literarischer Gruppen und Stilrichtungen und vielen Verweisen auf den politischen, sozialen und kulturellen Hintergrund ist Henry und Mary Garlands Werk, mit dem zum erstenmal die deutsche Literatur in die Reihe der Lese-Lexika aus Oxford aufgenommen wird: "The Oxford Companion to German Literature", Oxford University Press, 1976, 977 Seiten, 10 £.

Nachdem wir diesem deutschen "Begleiter" aus England Willkommen zugerufen haben, könnten wir daran gehen, von den kleinen Irrtümern oder Verzeichnungen zu sprechen, von denen ein so umfangreiches Werk nicht frei sein kann. Das könnte bei der oft eigenwilligen Gewichtung beginnen und enden bei den leider noch zahlreichen Druckfehlern, bis hin zu den ä-, ö-, ü-Pünktchen, über denen die englischen Setzer und Korrektoren oft verzweifelt sein müssen.

Kritik an diesem Buch dürfen wir den Universitäts-Kollegen der Garlands überlassen. Für den "geselligen" Leser, den sich die Verfasser wünschen, ist oft gerade aus den kleinen Fehlem etwas zu lernen – nicht unbedingt über die deutsche Literatur, aber über englische Kultur und über das Bild, das man sich auf der Insel von den Deutschen und ihrer Literatur macht.