Wenn Hans Egon Holthusen dem englischen Leser als gleichrangig mit Ludwig Christoph Heinrich Hölty vorgestellt wird (er erhält mit 23 Zeilen sogar vier mehr als der zarte Post des Göttinger Hainbundes), zeigt dies die leichte Unterschätzung der als "minor poets" geltenden Dichter gegenüber zeitgenössischen Literaturfunktionären (Holthusens Titel allein füllt fast zwei Zeilen), vor allem, wenn sie einige Jahre in der englischsprechenden Welt gelebt haben.

Bedenklicher ist, wenn eine als Tagebuchautorin und Briefschreiberin einzigartige Gestalt wie Franziska zu Reventlow mit keiner, die jung gestorbene Tänzerin Wera Ouckama Knoop digegen mit neun Zeilen gewürdigt wird – nur weil sie für das Verständnis von Rilkes "Sonetten an Orpheus" bedeutend ist.

Hier und in anderen Fällen denken die Verfasser an die Germanistik-Studenten in England: Über Hölty kann man sich in jeder Literaturgeschichte informieren, über zeitgenössische Autoren nicht; eine nicht ins Englische übersetzte Autorin können sich Liebhaber selber erobern, eine nur noch in Gedichtzeilen lebende Mädchengestalt muß als historische Person in einem Lexikon beglaubigt werden.

Aus diesem (legitimen) Universitäts-Aspekt erklärt sich die Gründlichkeit, mit der altdeutsche Dichtung dokumentiert wird, vom Althochdeutschen bis zu den populären Werken des achtzehnten Jahrhunderts. Bei den Garlands, nicht in einem in Deutschland verfaßten Nachschlagewerk kann man Grossmanns Erfolgsstück "Nicht mehr als sechs Schüsseln!" von 1780 verewigt finden. Wenn man auch im Deutschen gelegentlich die Aussprache "Itzehö" zu hören bekommt, ist man dankbar, daß Leser in England aufgeklärt werden, die Stadt in Schleswig-Holstein werde so ausgesprochen, daß sie sich auf "froh" reime. Daß allerdings der 1908 im württembergischen Langenbeutingen geborene Dichter, Erzähler und Pfarrer Albrecht Goes nicht "Gös", sondern auf "groß" sich reimend ausgesprochen werde, habe ich hier zum erstenmal gelesen.

Manche der jüngeren deutschen Autoren werden ziemlich nachlässig vorgestellt. Peter Härtling (ähnlich wie Franz Fühmann, den man unter "Führmann" suchen muß) wird nur als Lyriker vorgestellt. Nicht einmal "Niembsch" (1964), der Roman, mit dem Härtling sein eigentliches literarisches Debüt erlebte, wird notiert. Das überrascht deshalb, weil von Laie Andersen, die unter "Lili Marleen" (16 Zeilen) zu entdecken ist, noch die 1973 erschienene Autobiographie "Der Himmel hat viele Farben" aufgenommen ist.

Hier wie bei den sehr reich belegten studentischen Liedern und Bräuchen ist wohl ein Rückschluß auf Garlands Studienzeit in Deutschland erlaubt. Kein deutscher Akademiker, der nach 1945 studiert hat, konnte mir sagen, was ein "Landesvater" ist. Auch Mr. Garland denkt bei "Landesvater" nicht etwa an Herrn Filbinger, den zur Zeit geschmeidigsten Darsteller dieser Rolle, sondern überliefert (gleich mit zwei Hinweisen) den Brauch bei Studentenkommersen, unter Absingung des Liedes "Alles schweige, jeder neige", die Mützen der Teilnehmer mit den Schlägern der Chargierten zu durchbohren.

Auf solch kuriose Kurzartikel stößt man immer wieder: Sie eben machen das "Gesellige" eines Buches aus, in dem man stundenlang schmökern kann. Es glaube auch niemand, dies sei ein Werk germanistischer Nostalgie des Auslands. Henry und Mary Garland sind über die Bundesrepublik Deutschland bestens informiert. Sie teilen ihren Lesern nicht nur die alte kirchliche Bedeutung des "Goldenen Sonntags" (Dreieinigkeitsfest), sondern auch die weltlich moderne mit (letzter verkaufsoffener Sonntag vor Weihnachten). Und sie kennen auch die aktuellsten Nöte: Die Schreckvokabeln der jungen Generation sind nicht ausgespart: "Abitur" und "Numerus clausus".

Rolf Michaelis